Beitrag Jenisch

Notwendigkeiten der Aus- und Fortbildung im Unfallmanagement

Dr. jur. Uwe Jenisch
Ostseeinstitut für Seerecht und Umweltrecht der Universität Rostock

  1. Ausgangslage
  2. Zielgruppen
  3. Vorhandene Ansätze
  4. Wie soll es weitergehen?


1. Ausgangslage

Für die gesamte maritime Notfallvorsorge besteht Bedarf an professioneller Aus- und Fortbildung1. Das Management zur Beherrschung konkreter Notfälle im Bereich safety und security auf See und deren Folgen an Land erfordern umfassende Kenntnisse sowohl bei den Schiffsführungen, als auch bei den zuständigen Einrichtungen an Land. Je nach Einsatz und Verantwortungsbereich müssen auf verschiedenen Ebenen Grundkenntnisse zu folgenden Bereichen vorhanden und im Notfall unter Stress abrufbar, d. h. ständig präsent sein z. B. über:

  • Die jeweils örtlich zuständigen Institutionen (Havariekommando, Küstenwache, Lotsen, Verkehrszentralen, Hafenbehörden, Katastrophenstäbe, Bundeswehr),
  • die Führungsmethoden des Unfallmanagements (einschl. Instrumente der Zusammenarbeit),
  • die Reaktionsmuster auf See (Notschleppen, Notliegeplätze, Boarding, Bergen und Retten, Massenevakuierung, medizinische Erstversorgung, Leichtern, Schiffsbrand-bekämpfung, Schadstoffbekämpfung, Verfügbarkeit von Hubschraubern usw.),
  • die Reaktionsmuster an Land (Schadstoffbekämpfung am Strand und im Küstenvorfeld, Verletztenaufnahme, Bevölkerungsschutz, regionale Kapazitäten usw.),
  • das internationale und nationale Vorschriftenwesen zur Schiffssicherheit und zum Unfallmanagement (Sicherheits- und Ausrüstungsvorschriften, Zuständigkeiten, Zusammenarbeits-Vereinbarungen, Haftung, Schadensersatz, Versicherungen),
  • verantwortungsvolle Öffentlichkeitsarbeit.

Außerdem müssen an zentraler Stelle die Ergebnisse der Unfallforschung und das Knowhow des Unfallmanagements - nicht nur der Unfälle in deutschen Gewässern sondern auch signifikanter Unfälle weltweit in internationaler Zusammenarbeit - gesammelt, gepflegt und weiterentwickelt werden, um Erkenntnisse für optimales Unfallmanagement zu gewinnen.

Mit jedem der angesprochenen Stichworte ist ein mehr oder weniger umfangreiches Spezialwissen verbunden.

Beispiel 1: Vorschriftenwesen.

Hier geht es um die Kenntnis und den sicheren Umgang mit geltenden und anwendbaren seerechtlichen Konventionen und sonstigen Vorschriften auf den unterschiedlichen Ebenen:

  • Vereinte Nationen, IMO und ILO: z.B. UNCLOS, MARPOL, SOLAS, ISPS, COLREG, Konventionen zur Ölhaftung (bei Tankern) und zur Reederhaftung (bei Trockenfrachtern und Passagierschiffen), Flaggenstaatspflichten, PSSA Richtlinien, ILO Übereinkommen zum Arbeitsrecht, insgesamt mehr als 30 Rechtsinstrumente;
  • EU Recht, z. B. Richtlinien und Verordnungen der Erika-I und Erika-II Pakete, insgesamt rund 30 Rechtsinstrumente;
  • HELCOM Regelungen zur Ostsee, z.B. Wegeführung, AIS und ECDIS, Lotsenpflichten, Schadstoffbekämpfung, insgesamt eine Vielzahl von (verpflichtenden) Empfehlungen;
  • Deutsche Vorschriften Bund/Landesrecht, z. B. Zuständigkeiten der nationalen Dienste wie HK, Marine, BGS, Zoll, WSP en, Feuerwehren, Katastrophenstäbe, SeeAnlagenVO, SUG, Haftung nach dem Wasserrecht, Umweltschutzrecht.

Beispiel 2 Notliegeplatzkonzept

In diesem Beispiel geht es um die Kenntnis der möglichen Notliegeplätze vor den deutschen Küsten, d. h. Reeden und Ankerplätze, Dalben- und Festmachertonnen-Liegeplätze, Nothäfen und ihre Ausstattung für den konkreten Notfall, ihre Zufahrtsmöglichkeiten und ihre Risiken.

Für jeden Notfalltraining gilt, dass der Ernstfall unter großem Stress mit unangenehmen Begleitumständen abläuft (ungünstiges Wetter, Sprachprobleme, zu wenig Personal, Gefahr für Retter und Opfer, komplexes Material, Störungen aus der Politik und von den Medien). Psychologie des Entscheidungsprozesses und mentale Kondition des Unfallmanagement-Personals müssen geschult werden.

Die Inhalte der Aus- und Fortbildung werden sich nicht nur auf vorhandene Instrumente des Unfallmangements beschränken können. Man muss auch die zukünftigen Instrumente im Auge haben (und die dafür zuständigen Gremien der IMO, d.h. MEPC, MSC, LC sowie die Gremien der EU und der HELCOM). So steht z. B. ein internationales Bunkerölhaftungsübereinkommen und ein Wrack-Beseitigungs-Übereinkommen der IMO vor der Einführung; Fragen der Lotsenannahmepflicht, der Schiffsmeldepflicht und der Zwangswegeführung wie auch die Verschärfung der regulären seemännischen Ausbildung (Wiederholungslehrgänge) sollten Gegenstand der Aus- und Fortbildung sein, weil sie erstens das Problembewusstsein des Einzelnen schärfen. Zweitens muss aus der maritimen Szene selbst der nötige Druck auf Regierungen und Parlamente kommen, damit diese neuen Instrumente nicht nur verabschiedet sondern auch umgesetzt, d.h. finanziell und personell im Inland, in der EU, im Kreise der Ostseeanlieger und weltweit auch angewendet und durchgesetzt werden.

Für die Inhalte der Aus- und Fortbildung wird es darauf ankommen, sich an typischen Prozessabläufen zu orientieren. Nicht Jeder muss alles wissen, aber eine besonderes Erfahrungswissen muss vorhanden und gepflegt werden. Die Partner, die im konkreten Fall zusammenwirken müssen, sollten sich auch persönlich gut kennen und mit einander kommunizieren. Auch diesen Zielen dient die Aus- und Fortbildung.

Für diese speziellen Aus- und Fortbildungsmaßnahmen sind ein einheitlicher Qualitätsmaßstab und Erfolgskontrolle erforderlich, die Curricula, Lernziele und -methoden vorgeben, überwachen und zertifizieren. Auch hierfür braucht man eine verantwortliche Stelle.


2. Zielgruppen

Der Aus- und Forbildungsbedarf ergibt sich insbesondere für das Havariekommando und seine Zusammenarbeit mit anderen öffentlichen und privaten Stellen. Eine der wesentlichen Aufgaben des Havariekommandos ist die Sicherstellung der Ausbildung, Schulung und des Trainings von Einsatzkräften, Organisationen und eigenen Mitarbeitern, auf die sich die erfolgreiche Schadensbekämpfung in komplexen Schadenslagen stützt.

Die Zielgruppen und Inhalte sind aufgabenspezifisch, betreffen zur Zeit in erster Linie die operativen Fachbereiche und reichen von den Feuerwehren im Brandschutz, der Verletztenversorgung und Überleben auf See bis zu den Besatzungen der Gewässerschutzschiffe der WSV.

Für die Lotsen ist Fortbildungsbedarf für Notfallsituationen einschließlich der Zusammenarbeit mit den Landdienststellen erforderlich und Gegenstand einer neuen IMO Resolution (Res. A.960/23), während BGS, SeeZoll, Wasserschutzpolizeien, Katastrophenstäbe usw. ebenfalls Schulungsdedarf haben. Falls es zur Gründung einer Deutschen Küstenwache kommt, wäre diese Ziel aller Bemühungen um Fortbildung. "Kunden" bzw. Zielgruppe für die Aus- und Fortbildung im modernen Unfallmanagement sind also:

  • Kapitäne und Schiffsoffiziere, Brückenpersonal
  • Havariekommando (bzw. die zukünftige "Deutsche Küstenwache")
  • Leitstellen (und Basisorganisationen) der WSP´en, des Koordinierungsverbundes Küsten-wache, des BGS, Sicherheitsdienste und Polizeien von Bund und Küstenländern usw.
  • Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung BSU
  • DGzRS
  • Zuständige Referate in Bundes- und Länderministerien,
  • WSV, Verkehrszentralen
  • BSH
  • Katastrophenstäbe der Länder,
  • Marine und Bundeswehr
  • Örtliche Feuerwehren und Krankenhäuser
  • Lotsenbrüderschaften
  • SeeBG und GL
  • Sicherheitsbeauftragte aus der maritimen Industrie (Reedereien, Offshorefirmen, Windkraft, Fischerei)
  • Rechtsanwälte und Versicherungen
  • Ausländische Fachleute und Institutionen aus den genannten Bereichen, z. B. aus den Nachbarstaaten in Nordsee und Ostsee, Entwicklungsländer, Internationale Organisationen (EU, IMO, HELCOM...).


3. Vorhandene Ansätze

Eine Reihe von Einrichtungen und Unternehmen bieten verschiedene Aus- und Fortbildungsmaßnahmen an, die im wesentlichen Lernziele im operativen Bereich zum Inhalt haben wie z. B. Brandabwehr an Bord, Bridge/Ship Team Management, Crowd & Crisis Management, Safety and Survival Training, ABC Schutz, Medical Refresher Courses, und die auf STCW und IMO Vorgaben beruhen.

Neben diesen offenen, die Seeverkehrswirtschaft insgesamt ansprechenden Lehrgängen werden Fortbildungslehrgänge speziell auf gezielten Kundenwunsch z. B. für die WSD´en, das HK sowie für Feuerwehren und Lotsen bedarfsgerecht angeboten.

Maritime Aus- und Fortbildungseinrichtungen wie beispielsweise die Schleswig-holsteinische Seemannsschule Priwall, die Seemannsschule in Rostock, die Bremer GAUSS mbH, das Fortbildungszentrum Hafen Hamburg e. V. oder das geplante CMS Rostock (Center of Maritime Safety and Security) können wichtige Beiträge durch hochwertige bedarfsangepasste Angebote leisten.

Eine Sonderstellung nimmt die zum BSH gehörende "Sonderstelle für Schiffssicherung (SfS)" in Neustadt/Holstein ein. In einer zwischen dem Bundesminister der Verteidigung (BMVg) und dem Bundesminister für Verkehr (BMV) 1975 geschlossenen Vereinbarung wurde die Nutzung der Anlagen des "Ausbildungszentrums Schiffssicherung der Marine" mit Sitz ebenfalls in Neustadt durch die Sonderstelle für Schiffssicherung geregelt. Durch diese unverzichtbare Vereinbarung ist es möglich diese Übungsanlagen kostengünstig zu nutzen.

In der Verwaltungsvereinbarung zwischen dem Bund und den Küstenländern Mecklenburg- Vorpommern und Schleswig-Holstein zur Schiffsbrandbekämpfung auf der Ostsee wird die Sonderstelle für Schiffsicherung ebenfalls explizit benannt. Der Bund hat sich in der Vereinbarung §3 (5) verpflichtet, ausreichend Ausbildungskapazitäten für die Schiffsbrandbekämpfung und technische Hilfeleistung durch die Sonderstelle sicher zu stellen. In dem daraus vom Havariekommando und den Partnern in den Küstenländern entworfenem Konzept in der Schiffsbrandbekämpfung/ Technische Hilfeleistung sind gemeinsame Ausbildungspläne der beteiligten Feuerwehren vorgesehen, die ohne die Kapazitäten der Sonderstelle in der erforderlichen Kombination aus Theorie und Praxis nicht umzusetzen wären. Die in den vergangenen Jahren durchgeführten Lehrgänge fanden hohe Akzeptanz bei den Besatzungen der Gewässerschutzschiffe und den Einsatzkräften der Feuerwehren.

Alle genannten Einrichtungen verfügen über Erfahrungen in den Bereichen Brandbekämpfung, Überleben auf See, Schiffstechnik, Brückenbetrieb, Vorschriftenwesen und haben teilweise Zugang zu einem Simulator.

Jedoch dürfte es nötig sein, die Planung und Koordinierung der Aus- und Fortbildung an einer zentralen Stelle vorzunehmen. Dasselbe gilt für die Qualitätskontrolle.

Der Ständige Fachausschusses des DNV hat über die Aus- und Fortbildung im Unfallmanagement auf der Grundlage eines Vorschlags seines Arbeitskreises "Unfallmanagement" beraten und am 08.10.2004 den folgenden Beschluss gefasst:

"Der BMVBW wird aufgefordert

  1. Die technische, organisatorische und haushaltsrechtliche Zuordnung der Sonderstelle Neustadt dauerhaft zu sichern,
  2. Ein ganzheitliches Konzept zur maritimen Sicherheitsaus- und Fortbildung für See- und Landpersonal zusammen mit den Küstenländern auszuarbeiten und
  3. Unter einer zentralen Koordinierungsstelle ein umfassendes Trainings- und Ausbildungsangebot für maritime Sicherheit mit Einbindung vorhandener Einrichtungen und Anbieter zu schaffen, das auch in Zukunft optimal qualifiziertes Personal für Schiffssicherheit und Unfallmanagement in Deutschland und ggf. internationale Lehrgänge ermöglicht,
  4. Dafür Sorge zu tragen, dass die Trainings- und Fortbildungslehrgänge für Rettungsboot- und Feuerschutzleute als Wiederholungslehrgänge über eine IMO Resolution oder ein IMO Circular zeitnah wieder eingeführt, hilfsweise dringlich empfohlen werden."


4. Wie soll es weitergehen?

Der BMVBW hat zugesagt, diesen DNV Vorschlag zu prüfen. Sachgerecht wäre wohl die Einsetzung einer Expertengruppe unter Vorsitz eines zuständigen Bundesministeriums. Die Zusammensetzung des Gremiums sollte den staatlichen Bedarf, die Anbieter und die potenziellen "Kunden" umfassen. Da es sich in dieser Sicherheitsproblematik um eine staatliche Verantwortung auf ministerieller Ebene handelt, verbietet sich eine Delegation der Problematik auf untere Dienststellen oder Gremien. Auch der "Umweg" über neuerliche Gutachten erscheint entbehrlich, denn es gibt schon viele Gutachten zu Schiffsicherheit und Unfallmanagement und Küstenwachaufgaben.


1 Grobecker Bericht 2000, Empfehlung Nr. 17 mit Forderung nach kontinuierlicher Fortbildung ; Empfehlung der Teilprojektgruppe 2 der "Projektgruppe Maritime Notfallvorsorge" des BMVBW von 2002; Entschlie-ßung des Europäischen Parlaments zu der Verbesserung der Sicherheit auf See vom 21.04.2004 (Sterckx Be-richt), Forderung Nr. 44 nach zwingend vorgeschriebenen Auffrischungskursen über Rettungsmaßnahmen im Rahmen des STCW Übereinkommens; Maritime Safety Conference Baltic 2004, Kiel 3.-4. Mai 2004, Vor-schlag Nr. 14 zur Anhebung der STCW Standards und für obligatorische Wiederholungslehrgänge; vgl. a. "Anhebung der STCW-Standards ist unumgänglich", HANSA 2004, Nr. 2 S. 8-11.