Beitrag 04

Erfahrungen mit dem Warnemünder Modell

Prof. Dr. jur. Frank Ziemer
Hochschule Wismar, Fachbereich Seefahrt

  1. Die Besonderheiten des Warnemünder Modells
  2. Die am Warnemünder Modell beteiligten Partner
  3. Erfahrungen mit dem Warnemünder Modell


1. Die Besonderheiten des Warnemünder Modells

Eine Besonderheit der FH-Ausbildung in M-V ist, dass im Gegensatz zu den anderen Fachhochschulen in Warnemünde nur einmal im Jahr und zwar im Herbst Studienbeginn für das Nautikstudium ist. Das bedeutet, die Studenten haben bei uns nur einmal im Jahr die Möglichkeit ein Studium aufzunehmen.

Müssten wir uns an ein Modell mit einer strengen Einteilung von 26 Wochen im ersten Studiensemester und weiteren 26 Semestern in einem Semester des Hauptstudiums halten, würde sich bei uns die folgende Situation ergeben:

  • ein Teil der Studenten begibt sich für ein Semester ins Seepraktikum und
  • ein anderer Teil der Studenten beginnt sofort mit dem Studium am Fachbereich

Damit wäre ein gemeinsames Studium für Studienanfänger mit Schiffsmechanikerabschluss und Praktikanten ohne Berufsabschluss nicht möglich, da hierdurch die Schiffsmechaniker den Praktikanten stets ein Theoriesemester voraus hätten und sämtliche Synergieeffekte verloren wären.

Dies wiederum würde bedeuten, dass das ohnehin materiell sehr aufwendige Nautikstudium noch teurer werden würde, da sämtliche Lehrinhalte, die jetzt einmal pro Studienjahr angeboten werden zeitversetzt zweimal pro Studienjahr auf den Stundenplan müssten. Das maßgeblich von Prof. Scharnow entwickelte und am FB Seefahrt in Warnemünde aktuell praktizierte Warnemünder Modell hat den Vorteil, dass es an keine starren Praxissemester von zweimal 26 Wochen geknüpft ist und man dadurch sowohl die Besonderheiten der Immatrikulierungsregelungen in M-V berücksichtigt, als auch flexibel auf die Eingangsvoraussetzungen aller Bewerber reagieren kann.

So bietet der FB Seefahrt, analog allen anderen Fachhochschulen jährlich zum Sommersemester (im März) den Einstieg in das Nautikstudium mit einem ersten Semester als Seepraktikum von 26 Wochen an. Dieses vorgelagerte Semesterpraktikum lässt sich dann ohne Probleme in das erste Theoriesemester im überleiten und entspricht dem Modell mit zwei Praxissemestern von 26 Wochen Dauer.

Leider gibt es in der Regel im März wenig Bedarf seitens der Abiturienten dieses Angebot anzunehmen, denn die Masse der Abiturienten erhält ihr Abschlusszeugnis bereis zur Jahresmitte und ist daher interessiert im Herbst ein Studium zu beginnen.

Für 2003 gibt es bei und einen Bewerber für diesen Weg und auch in der Vergangenheit wurde diese Möglichkeit wenig genutzt.

Die meisten der Interessenten für ein Nautikstudium mit Seepraktikum bewerben sich bei uns zum Wintersemester (im September). Von ihnen fordern wir entsprechend der einschlägigen Hochschulregelungen ein zwölfwöchiges Vorpraktikum, das an Bord eines Seeschiffes zu absolvieren ist. Davon sind acht Wochen zwingend vor Aufnahme des Studiums und der Rest bis zum Vordiplom abzuleisten.

Das verbleibende Seepraktikum wird dann als Gesamtblock nach dem 5. Semester komplettiert. Je nach Vorleistung der Studenten beträgt dieser Praxis-Block 26 bis 40 Wochen.

Was die anderen Vereinbarungen der StAK angeht, gibt es bei uns keine Abweichungen. Wir haben die gleichen Zeitrichtwerte, Ausbildungskomplexe und Praktikumsanforderungen, wie alle anderen Fachhochschulen und unsere Praktikanten benutzen auch das zweisprachige Training-Record-Book (TRB), dass von den Fachhochschulen gemeinsam entwickelt wurde.

Anfangs gab es auch bei uns Bedenken, ob das zwölfwöchige Vorpraktikum ausreichend ist, um sich für oder gegen den Seemannsberuf entscheiden zu können.

Die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass die Fluktuation der Absolventen des Nautikstudiums mit Seepraktikum sehr gering ist.

Von 27 Studenten, die bis zum Jahresende 2002 ein Nautikstudium mit Seepraktikum absolvierten, haben lediglich 3 keinen Diplomabschluss am Fachbereich Seefahrt erworben.

Hiervon sind zwei in schifffahrtfremde Fachbereiche gewechselt und einer hat das Studium insgesamt abgebrochen.


2. Die am Warnemünder Modell beteiligten Partner

Aktuell befinden sich am FB Seefahrt in Warnemünde 57 Studenten im Seepraktikum. Die entsprechenden Praktikumsplätze werden dabei von 24 Reedereien bereitgestellt. Alle für ein Praktikum in Frage kommenden Reedereien befinden sich entsprechend der Forderungen des QM-Systems auf einer Weißen Liste, die ständig aktuell gehalten wird. Das bedeutet es können ohne Problem weitere Reedereien aufgenommen werden. Es können aber auch Reedereien, bei denen schlechte Ausbildungsbedingungen vorgefunden wurden von der Liste gestrichen und auf die schwarze Liste verbannt werden.

Der Praxis-Koordinator pflegt die Kontakte zu den Reedereien und Ausbildern. Er wird dabei von den anderen Professoren bei sich bietenden Möglichkeiten unterstützt. Wir bemühen uns die Kontakte zu den Reedereien über notwendigen Betreuungsaufgaben hinaus zu vertiefen. Hier spielt der Faktor Zeit eine entscheidende Rolle.

Die mit der Praktikantenbetreuung beauftragten Personalbearbeiter sind meistens zeitlich sehr gut ausgelastet und auch unsere Stundenpläne bieten dem Praxissemester-Koordinator wenig Raum für ständige Besuche in den Reedereiverwaltungen.

Anstrengungen beider Seiten haben in den meisten Fällen dazu geführt, dass bei passender Gelegenheit ein Meinungsaustausch zwischen Personalabteilung und Fachbereich Seefahrt stattgefunden hat. Dies soll auch in Zukunft gepflegt und möglichst noch erweitert werden.

Ein weiteres Problem sind die Besuche an Bord. Die meisten der Schiffe auf denen unsere Praktikanten fahren laufen keine deutschen Häfen an und so sind wir immer sehr froh, wenn sich die Möglichkeit ergibt in einem deutschen Hafen an Bord zu gehen und mit dem Kapitän und dem Ausbildungsbetreuer zu sprechen.

Jeder der aktiv zur See fährt weiß, dass diese Chance auch von den Reedereiverwaltungen den Behörden und anderen mit der Schifffahrt verbundenen Einrichtungen genutzt wird. Bei den kurzen Liegezeiten der Schiffe bedeutet das auch hier sehr wenig Zeit für den Austausch von Erfahrungen über die Praktikantenausbildung zur Verfügung steht.

In diesem Zusammenhang möchte ich mich bei den Kapitänen und Reedereien bedanken, die sich in dieser Frage trotz eines permanent engen Zeitrahmens immer sehr kooperativ und entgegenkommend gezeigt haben.

Die Resultate der Gespräche mit den Kapitänen und Reedereiverwaltungen bestätigen die Ergebnissen der von Prof. Wand vorgestellten Studie.

Die Möglichkeit entsprechend der Anforderungen des Training-Record-Books in den für die Ausbildung zur Verfügung stehenden 52 Wochen das praktische Rüstzeug zum Nautischen Schiffsoffizier zu erwerben wird von allen Beteiligten ausnahmslos bejaht.

Natürlich sind sowohl die Kapitäne und betreuenden Offiziere, als auch die Praktikanten auf jedem Schiff und auf jeder Reise verschieden, was ihre Motivation zur Ausbildung betrifft.

Da liest man schon ´mal im Praktikumsbericht von einem mürrischen Kapitän unter dessen Führung man nicht viel lernen konnte und bei dessen Urlaubsvertretung alles besser war.

Es gibt aber auch das Beispiel, dass ein interessierter zweiter Offizier den Praktikanten selbstlos in alle Geheimnisse der Brückenwache eingeführt hat und man sich auch ganz prima in englischer Sprache verständigt hat oder ein russischer Kapitän dem Praktikanten gute Fortschritte in der Anwendung der englischen und russischen Sprache bescheinigt.

Manche Kapitäne geben auch zu, und das gilt besonders für Praktikanten im letzen Ausbildungsabschnitt, dass sie ein besseres Gefühl haben wenn der Praktikant mit dem jungem ausländischem Dritten Offizier auf Wache ist.

Die Erfüllung der im TRB geforderten Aufgabenkomplexe wird in der Regel von den Betreuern sorgfältig überwacht, wodurch der Praktikant stets eine kompetenten Ansprechpartner hat, der ihm seine Fragen beantwortet und auf Probleme eingeht.

Einige Betreuer stellen auch auf Grundlage des TRB spezielle Ausbildungsprogramme für die jeweilige Reise zusammen, wobei sie sich an den speziell vorhandenen Bordbedingungen, wie Hafenfolge und Ladungsanforderungen sowie dem Ausbildungsstand des Praktikanten orientieren.

Wichtig ist auch, dass die Praktikanten während der Reise in unterschiedlichen Bereichen des Bordbetriebes tätig werden und damit die Möglichkeit haben die verschiedenen Aufgabenkomplexe des TRB zu erfüllen. Hierfür sorgt in der Regel der Kapitän.

Das die Ausbildung auf einem Schiff nicht der Ausbildung auf einem anderen Schiff haargenau gleicht, ist auch völlig klar. Wichtig ist, dass die im TRB vorgegebenen Ausbildungskomplexe in guter Qualität erfüllt werden.

Eine weitergehende Reglementierung durch die Hochschulen oder eine andere zentrale Stelle verbunden mit strikten Anforderungen an die Qualifizierung der Ausbilder wäre hier bürokratisch übertrieben.

Die vorhandenen Unterlagen und der vorgegebene Zeitrahmen reichen aus, um mit gut qualifizierten Kapitänen und Nautischen Schiffsoffizieren eine der SchiffsoffiziersausbildungsVO gerecht werdende Praktikantenausbildung zu verwirklichen. Die Schiffe der Reedereien, die sich auf unserer Weißen Liste befinden, erfüllen diese Forderungen.


3. Erfahrungen mit dem Warnemünder Modell

Natürlich lassen sich die Vorteile der Praktikantenausbildung noch mehr ausschöpfen, wenn sie zielgerichtet an Bord umgesetzt werden. Hierzu braucht man Erfahrungen, die sich nach und nach sammeln:

Aus den bisherigen Erfahrungen lassen sich für die Praktikantenausbildung folgende Vorteile ableiten:

  1. Das TRB schreibt den Praktikanten überwiegend nautische Tätigkeiten vor, die sie während ihres Praktikums erfüllen müssen. Damit verbringt der Praktikant nur eine minimale Zeit im Maschinenbereich, was von einigen Praktikanten auch als Mangel empfunden wurde, aber so gewollt ist. Der Praktikant kann somit die ihm zur Verfügung stehenden 52 Wochen Ausbildungszeit voll für den nautischen Bereich nutzen und ist nicht gezwungen Hilfsarbeiten im Maschinenbereich durchzuführen.

  2. Der Praktikant gehört nicht zur Schiffsbesatzung. Er erhält keine Tariflohn und muss dadurch auch nicht etwa laut Schiffsbesetzung vorgeschriebenen Schiffsleute ersetzen. Er fährt in jedem Falle zusätzlich zur Schiffsbesatzung und kann dadurch entsprechend der Aufgabenstellung des TRB zwischen den verschiedenen Bereichen des Schiffsbetriebes springen ohne, dass hierdurch notwendige Arbeiten liegen bleiben. Immer wenn besondere Situationen an Bord auftreten kann der Praktikant einbezogen werden, da er den täglichen Routinearbeiten entzogen ist.

  3. Die Praktikanten haben in der Regel schon reichlich Lebenserfahrung, sind hoch motiviert und verfügen, wenn sie nach dem 5. Studiensemester an Bord kommen über ein umfangreiches theoretisches Wissen. Sie kennen sich meist hervorragend mit Computern aus. Dadurch sind sie in der Lage, qualifizierte Aufgaben bei der Ladungsfürsorge, im Decksbetrieb oder auf der Brücke zu übernehmen und können nach kurzer Einarbeitungszeit Teilaufgaben an Bord übernehmen, wodurch zum Vorteil aller Beteiligten eine gewisse Entlastung möglich ist.

Zusammenfassend kann ich feststellen, dass wir gute Erfahrungen mit dem Warnemünder Modell haben und dies uns sowohl von den Reedereien, als auch den ausbildenden Kapitänen und Schiffsoffizieren bestätigt wurde.

Der wachsende Zulauf von Studenten, die dieses Studienangebot annehmen, zeigt, dass wir hier auf dem richtigen Weg sind und somit werden wir diese Studienrichtung auch in den kommenden Jahren ausbauen und weiterentwickeln.