Beitrag 11

Möglichkeiten des Seehafens Rostock zur Aufnahme havarierter Schiffe

Stefan Rathmanner
Hafenkapitän Rostock


Allgemeines

Definition Nothafen u.a. aus "Hansa 03/2001":

Weicht ein Schiff infolge höherer Gewalt oder eines drohenden bzw. bereits eingetretenen Notfalles von seinem ursprünglichen Reiseplan ab und sucht einen Hafen auf, so wird dieser Hafen zu einem - um nicht zu sagen - seinem Schutz- bzw. Nothafen.

  • Zu einem Nothafen kann jeder Hafen werden, der dem in Not befindlichen Schiff Schutz bieten kann (Nothafenrecht ist völkerrechtlich anerkanntes Gewohnheitsrecht).
  • Die Umsetzung des "Nothafenrechts" liegt in MIV im Ermessen der Hafenbehörde (Hafenverordnung HafVO).
  • Der Hafen muß nicht speziell für diesen Zweck errichtet worden sein.
  • Nothafen ist der am günstigsten geeignete Hafen (nicht der nächste). Das heisst, daß der möglicherweise durch den Havariekommissar angedachte Hafen, die verschiedensten strukturellen und technischen Voraussetzungen bieten muß, um mit der Notlage "umgehen zu können"; also dem havariertem Schiff maximale Hilfeleistung gewähren zu können ohne dabei selbst Schaden zu nehmen.

Das setzt einen Überblick über die Allgemeine Schadenslage voraus:

  1. Frage: Worin besteht die Notlage?
  2. Frage: Wie ist die Notlage entstanden?
  3. Frage: Welche Gefahr en gehen von der Notlage für Mensch, Umwelt und Schiff aus?

Dieser Überblick muß mit den örtlichen, also strukturellen und technischen Voraussetzungen des angedachten Hafens verglichen werden. Das Ergebnis dieses Vergleiches entscheidet darüber ob der Hafen für die konkrete Notsituation der geeignete oder geeignetste Nothafen ist.

Im Rostocker Seehafen besteht grundsätzlich die Möglichkeit Schiffe bis zu einem Tiefgang von 13m kommerziell, also der Zweckbestimmung des Hafens entsprechend, abzufertigen. Speziell eingerichtete Liegeplätze für Notfälle werden in Rostock nicht vorgehalten.
Wohldem ist Rostock in der Lage, unter bestimmten Voraussetzungen (siehe oben: "Überblick ...) mit Notfällen umzugehen.
(Beispiel: MS "TERN" nach der Kollision mit MT "BALTIC CARRIER" in der Kadetrinne).


Einige wichtige Entscheidungskriterien zur Aufnahme von havarierten Schiffen in den SHR

  1. Schiffsgröße
    Die Grenzen bzgl. möglicher Schiffsgrößen werden durch die Dimensionierung der Seewasserstraße festgelegt. Diese Dimensionierung erlaubt Schien bis
    Lüa=25Om, B=40m, Tg=13m
    das Befahren der Seewasserstraße,
    wobei Schiffe mit einer Größe ab Lüa=230m, B=36m, Tg= 12m
    die Erlaubnis des WSA einholen müssen.
  2. Liegeplatzparameter
    Der Seehafen Rostock ist mit seinen
    Liegeplätzen 3, 06 im Ölhafen,
    Liegeplätzen 17 und 18 im C-Becken-Getreide-/Düngemittelumschlag- und
    Liegeplatz 24 im B-Becken-Schüttgutumschlag-
    in der Lage o.g. dimensionierte Schiffe aufzunehmen.
  3. Liegeplatzausrüstung
    Wasseranschlüsse
    Stromanschlüsse
    Kräne (außer Ölhafen)
  4. Havarietechnik im Umfeld
    • Schlepper
    • Schlepper mit Feuerlöscheinrichtungen
    • Nofallschlepper "Fairplay 26"
    • Ölauffangschiff "Vilm"
    • Ölauffang- und Entsorgungsschiff "Bottsand"
    • Brandschutz- und Rettungsamt
      Vor Ort: Feuerwache III im SHR mit Umweltausrüstung
      Groß-Klein: Feuerwache II mit Ölbekämfungsschiff "Äsche" und Feuerlöschboot
    • Havarietaucher
    • Entsorger
    • Werften
  5. Zustand des havarierten Schiffes
    Entsprechend Hafennutzungsordnung §9 bedürfen der Erlaubnis zum Einlaufen in einen Hafen u.a. folgende Schiffe
    • die zu sinken drohen,
    • die brennen oder bei denen Brandverdacht besteht oder nicht mit Sicherheit feststellt, daß ein Brand völlig gelöscht ist.
  6. Ladung des havarierten Schiffes
    Entsprechend Hafennutzungsordnung §9 bedürfen der Erlaubnis zum Einlaufen in einen Hafen u.a. folgende Schiffe:
    • die undichte Behälter mit sich führen, die Stoffe enthalten, welche zur Gefährdung der öffentlichen Sicherheit oder Ordnung führen können.
  7. Wetter, Wasserstände
  8. Aktueller Umschlag, Umschlagsplanung
    Entsprechend Hafennutzungsordnung §9 bedürfet der Erlaubnis zum Einlaufen in einen Hafen u.a. folgende Schiffe:
    • die wegen ihrer Bauart öder Abmessungen den Hafenbetrieb oder die Hafenanlagen gefährden oder behindern können.

    > Welche Liegeplätze sind kurz- und /oder langfristig nicht für eine Schiffsbelegung vorgesehen, bzw. gibt es Alternativen?

  9. Ökonomisches und ökologisches Umfeld
  10. Kostenübernahme
    Mögliche Kosten eines Havaristen im Nothafen
    • Übliche Hafenentgelte
    • Entsorgungskosten
    • Schadstoffbekämpfung
    • Feuerlöschmaßnahmen
    • Maßnahmen gegen Sinken
    • Schäden im Hafen z.B. an Hafenanlagen, Gewässerverunreinigungen
    • Folgeschäden wie Blockierung von Hafenanlagen und Verzögerung der Abfertigung anderer Schiffe
    • ...
    • ...

Folgende Fragen müssen beispielsweise vor Aufnahme eines havarierten Schiffes in den Hafen beantwortet sein ?

? Wer haftet für was?
? Welche Versicherungen decken welche Schäden in welchem Umfang ab?
? Vorkasse des Reeders ?

> Bund-Ländervereinbarung vom 15.07.2002

  1. zur Verbesserung des gemeinsamen Unfallmanagements auf der Nord- und Ostsee (Havariekommando):
    • gilt für komplexe Schadenslagen in der ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) der BRD und außerhalb dieser wenn die BRD Verpflichtungen zur maritimen Notfallvorsorge zu erfüllen hat
    • kommunale Zuständigkeiten Werden entsprechend § 2 (?) nicht berührt
  2. über die Bekämpfung von Meeresverschmutzungen:
    • Geltungsbereich:
      • Küstengewässer
      • Seeschifffahrtsstraßen
      • Häfen in Bremen und Hamburg
      • Ufer und Strände in den o.g. genannten Gebieten
      • Angrenzende Wasser- und Landflächen wenn die Verschmutzung auf ein Ereignis in den o.g. Gebieten zurückzuführen ist
    • Häfen M/V befinden sich nicht in diesem Geltungsbereich

Ein Durchgriffsrecht des Havariekommandos :auf kommunale Zuständigkeiten ist nach der Bund-Ländervereinbarung nicht existent.
Die Kostenübernahmefrage außerhalb von Kostenregelungen und nichtversicherte / nichtversicherbare Kosten für den, das havarierte Schiff aufnehmenden Hafen, ist nicht geklärt!