Beitrag 07

Fairplay 25 / Fairplay 26 - Notschlepper für die deutsche Ostsee

Carsten-S. Wibel
Transport & Service GmbH & Co Bremerhaven, Projektleiter Küstenschutz


Die Teilprojektgruppe "Notschleppen" empfahl dem Bundesverkehrsminister, zukünftig 5 Notschlepper für die Ostsee bereitzustellen. Die Bereitschaftspositionen sollen

  1. die Kieler Förde
  2. Nördlich Hohwachter Bucht
  3. Warnemünde
  4. Saßnitz
  5. Karlshagen auf der Insel Usedom

sein.

Am 5. November 2001 wurden von der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes im Rahmen einer europaweiten Ausschreibung zunächst die beiden Positionen "Kiel" und "Rostock-Warnemünde" mit gecharterten Notschleppern besetzt.

Diese Ausschreibung war der Grund für die Gründung der Arbeitsgemeinschaft "Küstenschutz". Um ein leistungsfähiges Angebot abgeben zu können und die in der Ausschreibung geforderten Sicherheitsbedingungen erfüllen zu können, gründeten im September 2001 die vier führenden deutschen Schlepp- und Bergungsreedereien

  • Bugsier-, Reederei- und Bergungs-Gesellschaft, Hamburg
  • Fairplay Schleppdampfschiffs-Reederei Richard Borchard G.m.b.H., Hamburg
  • T&S Transport & Service GmbH & Co., Bremerhaven
  • URAG Unterweser-Reederei GmbH, Bremen
die Arbeitsgemeinschaft Küstenschutz.

Seit 1866 ist die Bugsier im weltweiten Seeschlepp- und Bergungsgeschäft tätig. Sie besitzt und betreibt Hochsee-, Küsten- und Hafenschlepper, Bergungskräne sowie Pontons und verfügt über umfangreiche Erfahrungen in der erfolgreichen Bearbeitung komplexer Schadenslagen auf See.

Zur Flotte der Bugsier gehören insgesamt 13 Schlepper mit einem Pfahlzug von 30 bis 180 t, die Reederei hat etwa 230 Beschäftigte.

Fairplay wurde 1905 in Hamburg gegründet. Neben der Seeschiffsassistenz in Hamburg, auf der Unterelbe, in Mecklenburg-Vorpommern und Rotterdam hat die Reederei sich im Küsten- und Schleppgeschäft in Nordeuropa etabliert. Zwei Seeschlepper befinden sich im weltweiten

Einsatz. Die Flotte von 20 Schleppern beinhaltet Einheiten mit Azimuth-Antrieben und Pfahlzügen bis zu 65 t und Feuerlösch-Anlagen gemäß "FiFi 1" (2 Monitore, Leistung je ca. 1.350 m3/Std., Wurfweite über 120 m). Fairplay hat derzeit etwa 130 Beschäftigte, knapp die Hälfte (55) davon in Mecklenburg-Vorpommern.

Die 9 Voith-Schneider-Schlepper von T&S Transport & Service sind im Hafenschleppgeschäft und im Offshore-Bereich tätig.

Zusätzlich betreibt die Gesellschaft drei Ölunfallbekämpfungsfahrzeuge für Bund und Küstenländer und verfügt daher über einen Erfahrungsschatz auf dem Gebiet der präventiven Ölbekämpfung. Im Unternehmen arbeiten derzeit etwa 110 Beschäftigte.Die seit 111 Jahren in Bremen ansässige URAG ist Eigner und Betreiber einer Flotte von 13 Voith-Schneider- Schleppern. Die starken Schlepper mit bis zu 71 t Pfahlzug sind für Offshore-Einsätze konstruiert und speziell ausgerüstet.

Zur URAG-Gruppe gehört auch die Wiking Helikopter Service GmbH, die über allwettertaugliche Helikopter und Besatzungen mit jahrzehntelanger Erfahrung bei Lotsenversetzungen und Offshore-Transporten verfügt. Die Zahl der Beschäftigten der URAG-Gruppe beträgt insgesamt 190.

Neben den beiden - vom Bundesverkehrsministerium als Notschlepper für die Ostsee gecharterten - Schleppern "Fairplay-25" und "Fairplay-26" stellt die Arbeitsgemeinschaft "Küstenschutz" auch den Nordsee-Sicherheitsschlepper "Oceanic". Dieser Bergungsschlepper leistet 180 t Pfahlzug und liegt auf Seeposition vor Norderney in Bereitschaft.Warum sind überhaupt Notschlepper erforderlich? Schließlich gibt es überall in den Häfen die vielen Schlepper, die doch für solche Aufgaben eingesetzt werden können.

Wenn wir uns die Karte der deutschen Ostseeküste ansehen, gibt es Reedereien mit seegehende Schlepper in Kiel, Lübeck, Rostock und Wolgast.

Aber:

    - Nicht jeder dieser Schlepper ist aufgrund seiner Schleppleistung und/oder seiner Größe für einen Notschleppeinsatz einsetzbar, und - Diese Schlepper werden von ihren Reedereien für See- und Hafenassistenz und Verschleppungen eingesetzt, sind also nicht ständig auf ihren Stationen in Bereitschaft.

Die schwedische Küstenwache stellte in einem Bericht an die Helsinki-Kommission im Januar 2001 fest, dass in der Ostsee keine ausreichende Notschleppkapazitäten vorhanden sind. Bei einem angenommenen Szenario "Havarie eines Tankers (150.000 tdw) ca. 16 sm nördlich Arkona, Wind NE 9 Bft" wären erst nach etwa 23 Stunden Schlepper mit entsprechendem Pfahlzug vor Ort gewesen. Bis dahin wäre der Havarist - in Abhängigkeit vom Beladungszustand - längst gestrandet.

Bundesverkehrsminister Bodewig entschied daher im Juni 2001:

"Für die Ostsee werde erstmalig eine staatliche Notschleppkapazität aufgebaut. Dass dies notwendig sei, haben nach Angaben Bodewigs Untersuchungen zur Verkehrsentwicklung in der Ostsee deutlich gemacht. Angestrebt werde ein gleiches Sicherheitsniveau wie in der Nordsee mit Eingreifszeiten von maximal zwei Stunden."

Wie bereits erläutert, wurden von der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes im Rahmen einer europaweiten Ausschreibung im November 2001 zunächst die beiden Positionen "Kiel" und "Rostock-Warnemünde", seit Oktober 2002 auch die Position "Sassnitz" mit gecharterten Notschleppern besetzt.

Die Bereitschaftsposition Nördlich Hohwachter Bucht wird zukünftig durch das bundeseigene Mehrzweckschiff "Scharhörn" besetzt, das zur Zeit mit einer 40-t-Schleppwinde zum Notschlepper aufgerüstet wird. Die Aufträge für die Positionen "Rostock-Warnemünde" und "Sassnitz" wurden an die Arbeitsgemeinschaft "Küstenschutz" vergeben. Sie sind mit den Schleppern "Fairplay-25" (Sassnitz) und "Fairplay-26" (Rostock-Warnemünde) besetzt.

"Fairplay-25" und "Fairplay-26" sind die beiden stärksten einer Baureihe von insgesamt 6 Schleppern, die gegenüber ihren 4 Schwestern eine höhere Maschinenleistung, einen höheren Pfahlzug, Feuerlöschleistung entsprechend FiFi 1 und andere Verbesserungen haben. Die Schiffe haben eine Gesamtlänge von 34,85m, eine Breite von 10,90m und einen Tiefgang von 5,20m.

"Fairplay-25" und "Fairplay-26" sind moderne Multifunktionsschlepper, die für Hafen- und Seeassistenz, Seeverschleppungen, Eskortieren, Bergungs- und Notschleppaufgaben ausgelegt sind.

Zwei Schottel Verstell-Propeller (Typ SRP1515) in Kort-Düsen liefern die Kraft, um einen Pfahlzug von 65 t und eine Freifahrt-Geschwindigkeit von 13,5 Knoten in der Vorwärts- sowie 11 kn in der Rückwärtsfahrt zu erreichen. Das Bugstrahlruder (Typ STT 110LK) mit einem Schub von 2,8 t in Kombination mit den um 360° drehbaren Schottel-Propellern, gibt den Schleppern eine besonders hohe Manövrierfähigkeit.

Entgegen herkömmlichen Schleppern sind die Rümpfe mit einem Wulstbug sowie einem sogenannten "Totholz" ausgerüstet. Die spezielle Rumpfform wurde in umfangreichen Tanktests entwickelt und garantiert dem heckgetriebenen Schlepper ein ungewöhnlich hohes Maß an Kursstabilität in der Rückwärtsfahrt als "Reverse Tractor". In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, daß es auf der Brücke einen zweiten Fahrstand gibt. Dies ermöglicht dem Schiffsführer auch bei der Rückwärtsfahrt sowohl das gesamte Arbeitsdeck als auch die achtere Winde zu übersehen.Mit je einer Doppeltrommel-Winde vorn und achtern sind die Schiffe sowohl für den Hafen- als auch Seebetrieb ausgerüstet. Die Bremslast der Winden beträgt je 125 t. Je Trommel stehen 400m Hafenschlepp- und 1500m See-Schleppdraht mit 52mm Durchmesser zur Verfügung. Die Winden werden vom Windenfahrstand auf der Brücke oder auch von Deck aus kontrolliert. Außerdem sind beide Schlepper für den Notschleppeinsatz mit hochfesten Kunststoffleinen, sogenannten "Dyneema-Leinen" ausgerüstet. Diese Spezialleinen haben die gleichen Festigkeits-Eigenschaften wie der Schleppdraht, sind aber sehr leicht - sogar schwimmfähig. Sie erleichtern bei Stromausfall auf dem Havaristen, dass trotz "schwarzem Licht" eine Notschleppverbindung hergestellt werden kann.

Die Feuerlöscheinrichtung wurde nach FiFi1 ausgelegt. 2 Feuerlöschkanonen liefern je bis zu 1350 cbm Feuerlöschmittel (Wasser oder Schaum) mit einer Wurfweite von bis zu 45m Höhe oder 120m Weite. Die Klassifizierung der Schiffe erfolgt nach den Richtlinien der Seeberufsgenossenschaft und des Germanischen Lloyd mit der Klasse "GL+ 100 A5 M E 'Tug' + MC E Aut".Für die Arbeit im Hafen und auf See verfügen "Fairplay-25" und "Fairplay-26" über eine Anzahl von technischen und nautischen Geräten, z.B. elektronische Seekartensysteme und GPS für die Navigation, 2 sogenannte Tageslicht-Radars, Echolot, Gyrokompass und natürlich ein Autopilot-System. Die an Bord befindlichen Kommunikationsanlagen entsprechen dem heutigen modernen Standard. Dazu gehört neben insgesamt 3 UKW-Sprechfunkgeräten auch Inmarsat- und GSM-Anlagen für Telefon-/Fax-Kommunikation. Speziell für Offshore-Arbeiten gibt es auf dem großen Achterdeck genug Platz für Ersatzteile, Offshore-Gerätschaften oder gar einem 20' Container. Die umfangreiche Rundum-Fenderung des Rumpfes erfüllt einen weiteren Sicherheitsaspekt für Offshore-Jobs. Der Palfinger-Kran hat bei maximaler Auslage von 11,4m noch eine Tragkraft von 1,8 t. Die Bunkerkapazität von 240 cbm erlaubt einen Aktions-Radius von ca. 15 Tagen.Neben den beiden Notschleppern stellt die Arbeitsgemeinschaft Küstenschutz auch das sogenannte Boarding-Team. Diese vier Seeleute (ein Nautiker, drei Matrosen bzw. Schiffsmechaniker) werden bei Bedarf per Hubschrauber auf dem Havaristen abgesetzt, um die Besatzung - wenn (noch) an Bord - beim Herstellen der Notschleppverbindung zu unterstützen. Das Boarding-Team befindet sich in Warnemünde in Bereitschaft und hat eine "Rüstzeit" von einer Stunde. Innerhalb einer Stunde müssen alle vier am Hubschrauberlandeplatz sein. Neben ihrer persönlichen (Schutz)-Ausrüstung haben diese Fachleute auch Werkzeug und Geräte für ihre Aufgaben mit.

Regelmäßig wird der Transport mit dem Helikopter geübt, sowohl mit den SAR-Hubschraubern der Marine als auch - in Wilhelmshaven - mit denen der zum Arbeitsgemeinschafts-Partner URAG gehörenden WIKING Helikopter. Üben steht ohnehin beim Boarding-Team und den Besatzungen der Notschlepper ständig "auf dem Zettel". Regelmäßig wird das Herstellen der Notschleppverbindung, der Umgang mit den hochfesten Kunststoffleinen und die Zusammenarbeit mit den Hubschraubern geübt.

Die "Fairplay-26" ist für sechs Monate bis zum April 2003 von der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung für Notschleppaufgaben gechartert - mit einer Verlängerungsoption um weitere 6 Monate. Ein im Sommer für die Bereitschaftsposition Warnemünde ausgeschriebenes Interessenbekundungsverfahren forderte einen Pfahlzug von über 80 t bei einer Mindest-Probefahrtsgeschwindigkeit von 16,5 Knoten, als Charterzeitraum wurden fünf oder zehn Jahre genannt. Auf dieses Interessenbekundungsverfahren hat die Arbeitsgemeinschaft "Küstenschutz" einen Schlepper angeboten, der diese Kriterien erfüllt.

Wann die Bereitschaftsposition Warnemünde für einen längeren Zeitraum ausgeschrieben wird, wissen wir nicht.

Die "Fairplay-25" ist für zwei Jahre bis zum Oktober 2004 von der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung für Notschleppaufgaben gechartert - mit einer Verlängerungsoption um weitere zwei Jahre. Geplant ist, daß anschließend ein neu zu bauendes, bundeseigenes Mehrzweckschiff diese Aufgabe übernehmen soll. Der Bau diese Mehrzweckschiffes ist zur Zeit in der Ausschreibung, Indienststellung voraussichtlich im Herbst 2004. Das "Schadstoffunfallbekämpfungsschiff (SUBS) Ostsee" wird einen Pfahlzug von 40 t und eine Probefahrtsgeschwindigkeit von 13 kn haben. Die Bauweise und die zu übernehmenden Mehrzweck-Aufgaben des SUBS Ostsee sind ähnlich wie beim Mehrzweckschiff "Neuwerk".

An der deutschen Ostsee besteht also ein Notschleppkonzept, in das drei gecharterte Notschlepper eingebunden sind. Dieses - neudeutsch als "Public-Privat-Partnership" bezeichnete - Zusammenwirken von Wasser- und Schifffahrtsverwaltung und Schlepp- und Bergungsreedereien gewährleistet einen effektiven und wirtschaftlichen Schutz unserer Küste.

Die Arbeitsgemeinschaft "Küstenschutz" wird mit ihren leistungsfähigen Schleppern, ihren erfahrenen Beschäftigten und ihrem umfangreichen "Know-How" dazu beitragen. Wir werden