Ulrich Scharnow

Ulrich Scharnow

Ulrich Scharnow

Ulrich Scharnow wurde am 4. Oktober 1926 bei Küstrin im Land Brandenburg geboren. Sein Leben war fast 60 Jahre eng mit der deutschen Seeschiffahrt verbunden. Wie kaum ein anderer hatte er sowohl die Praxis "vor dem Mast" und auf der Brücke kennengelernt als auch wissenschaftliche Bildung erlangt und dann diese Kenntnisse und Erfahrungen für die Entwicklung der nautischen Wissenschaften und der Ausbildung eingesetzt. Das war ein großer Teil seines Lebensinhaltes:

  • Mit 14 Jahren begann seine Seefahrtzeit an der Schiffsjungenschule Stettin, und nach dem II. Weltkrieg besuchte er die Seefahrtschule in Elsfleth, die er mit dem nautischen Patent A5 bei Kapitän Baake abschloß.
  • Nach 10 Jahren Seefahrt nahm er ein Hochschulstudium an der heutigen Universität Potsdam auf.
  • Anschließend gab es die Möglichkeit für ihn, an der Seefahrtschule Wustrow als Seefahrtschullehrer zu beginnen, deren Stellvertretender Direktor er 1965 wurde.
  • Es gelang ihm, das Befähigungszeugnis A6 auszufahren und er promovierte 1967 mit einer Arbeit über Meteorologische Navigation im Bereich tropischer Wirbelstürme. 1978 folgte die Habilitation.
  • Mit Gründung der "Ingenieurhochschule für Seefahrt Warnemünde-Wustrow" wurde Prof. Dr. Scharnow deren Prorektor für Naturwissenschaft und Technik.
  • Als Hochschullehrer für das Berufungsgebiet "Maritime Meteorologie und Ozeanographie" in der Sektion Schiffsführung leitete Prof. Scharnow den Lehrbereich Nautik. Ihm gelang es wie nur wenigen, die Verbindung mit der Praxis aufrechtzuerhalten, viele Forschungsergebnisse seines Bereiches wurden in die Praxis überführt, bis zur weitsichtigen Realisierung eines komplexen Nautischen Informationssystems mit der Industrie nach 1990.
  • Sein Name ist eng verbunden mit der Entwicklung der maritimen Fachliteratur. Von seinen Büchern erwähnt seien auszugsweise: Die Reihe "Seemannschaft" in vier Bänden, das Lehrbuch "Wetterkunde", später "Maritime Meteorologie"; "Grundlagen der Ozeanographie", "Ozeanographie für Nautiker" und das Lexikon "Seefahrt".

Im Jahre 1991 wurde er zwar mit 65 Jahren planmäßig emeritiert. Aus dem Ruhestand selbst wurde aber noch eine arbeitsreiche Phase:

Er war in der auslaufenden maritimen Ausbildung an der Universität Rostock tätig und hielt bis zu seinem letzten Tag Vorlesungen in Maritimer Meteorologie am Fachbereich Seefahrt Warnemünde der Hochschule Wismar.

Als Vorsitzender des wiedergegründeten Nautischen Vereins Rostock, als Mitglied des Vereins der Kapitäne und Schiffsoffiziere zu Rostock sowie als Mitbegründer und Mitglied der Nautischen Kameradschaft "Poseidon" und des Arbeitskreises "Seeschiffahrt Mecklenburg-Vorpommern" stellte er sich stets den neuen Aufgaben und Erfordernissen der Schiffahrt in Mecklenburg-Vorpommern. Darüber hinaus war er im Ständigen Fachausschuß des Deutschen Nautischen Vereins tätig.

Erheblich beigetragen hat Ulrich Scharnow zum Aufbau des Fachbereichs Seefahrt in Warnemünde und zur erfolgreichen Inbetriebnahme des Maritimen Simulationszentrums.

Er war einer derjenigen Menschen, die alle Erwartungen an einen Hochschulprofessor erfüllen:

  • Er war ungeheuer fleißig, arbeitsam und ideenreich. Dafür sprechen allein seine vielen Publikationen. Unvergessen macht ihn darüber hinaus der nach ihm benannte "Scharnow-Turn", der von ihm vorgeschlagen, von seinen Mitarbeitern weiter entwickelt und in das internationale MERSAR-Handbuch aufgenommen wurde.
  • Er war umfangreich gebildet sowohl in der Breite durch seine lexigrafische Arbeit, als auch speziell was die Maritime Meteorologie und darüber hinaus viele Seiten der Seefahrt betraf.
  • Er war eine Persönlichkeit und besaß ein hohes Maß von dem, was man Menschlichkeit nennt.

Sein Verhältnis zu Mitarbeitern war immer durch Überzeugung geprägt: Niemals hörte man " Ich ordne an", immer hat er durch seine natürliche Autorität und Argumente überzeugt.

Hervorzuheben ist sein sehr gutes Verhältnis zu seinen Studenten, eine Beziehung, die er auch außerhalb der Lehrveranstaltungen und sogar nach dem Studium , z.B. über die nautischen Kameradschaften lebendig gehalten hat:

Sowohl in seiner "VISURGIS" aus der Zeit in Elsfleth (die er übrigens nicht unterbrochen hatte und deren 50-jährige Mitgliedschaft bevorstand), als auch jetzt zur "POSEIDON" in Warnemünde.

Nach 1992 hat er sich vor Gericht dafür eingesetzt, daß die ehemaligen Studenten und Absolventen der Hochschule für Seefahrt den verdienten universitären Abschluß zugesprochen bekamen.

Natürlich hatte er seine Schwächen und erfüllte neben den wissenschaftlichen Erwartungen auch viele übliche Klischees, die gerade Studenten suchen: Er war zerstreut, hatte ein katastrophales Namengedächtnis und hielt nicht viel von Äußerlichkeiten.

Ulrich Scharnow hatte ein besonderes Herz für alle Seeleute, insbesondere für die Nautiker, zu denen er gehörte. Er hat sich immer dafür eingesetzt, daß Schiffsoffiziere eine erstklassige Ausbildung erhalten konnten und war überzeugt, nur die sichert die besten Chancen auf See und auch bei späterer Landtätigkeit, wobei ihm besonders die Lotsen am Herzen lagen, zu denen ein enges Verhältnis bestand. Es war für ihn besonders enttäuschend mitzuerleben, wie die Anforderungen an die Schiffsoffiziersausbildung in Deutschland heruntergeschraubt wurde.

Wenn es um den Erhalt des Berufsstandes der Nautiker ging, hatte er ein beispielloses Standvermögen. Auf Grund seines unermüdlichen Einsatzes wurde in Deutschland ein neuer Ausbildungsweg mit Seepraktikum zum Nautischen Schiffsoffizier auf den Weg gebracht, bekannt auch als "Warnemünder Modell" oder besser "Scharnow-Modell".

Es ist nahezu symptomatisch, daß er seine letzte Rede auf dem "Hafenstammtisch" zur Ausbildung hielt und daß sein Leben auf dem Weg zu einer Veranstaltung des Nautischen Vereins Rostock zu Ende ging. Seinen Lebensweg kann man als Inbegriff dessen bezeichnen, was "Erfülltes Leben” genannt wird. Und trotzdem ist man erschüttert, wenn es denn so abrupt sein Ende fand – er hatte trotz seines Alters von 72 Jahren noch so viel vor und er hätte es auch realisieren können!