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Die Umsetzung der STCW-95-Anforderungen im Nautikstudium mit Seepraktikum

Prof. Dr. jur. Frank Ziemer
Hochschule Wismar, Fachbereich Seefahrt Warnemünde


  1. Ausgangssituation
  2. Theorieanforderungen
    1. Angleich an des Sandwich-Modell
    2. Quantitative Studienanforderungen
  3. Praxisanforderungen
    1. Inhalt der Praxisanforderungen
    2. Zeitlicher Rahmen der Praxisanforderungen
  4. Das Ausbildungskonzept


I. Ausgangssituation

Die Konzeption des Nautikstudiums mit Seepraktikum unterlag zahlreichen Regelungen internationalen, supranationalen und nationalen Rechts.

Zu nennen sind hier:

  • STCW-Ü 1978 in der Fassung vom 7. Juli 1995 (STCW-95-Ü)
  • Richtlinie 94/58/EG über Mindestanforderungen für die Ausbildung von Seeleuten in der Fassung der Richtlinie 98/35/EG vom 25. Mai 1998
  • Anforderungen der SchOffzAusbV
  • Prüfungsanforderungen der KM M-V an eine Diplomausbildung
  • NOA-Anforderungen der Berusbildung
  • Schiffsmechanikerausbildungsverordnung
  • Rahmenvereinbarungen der StAK

Diese Regeln waren mehr oder weniger geeignet, das gesteckte Ziel, ein Nautikstudium ohne vorherige Berufsausbildung zum Schiffsmechaniker, als Studienrichtung am Fachbereich Seefahrt, einzurichten.

Positive Impulse gingen aus vom STCW-95-Ü, da seine Umsetzung zur völligen Neufassung der SchOffzAusbV führte, wodurch das Vorhaben der Profilierung einer neuen Studienrichtung enorm begünstigt wurde.

Die wichtigsten Forderungen des STCW-95-Ü zum Erwerb eines Befähigungszeugnisses als Nautischer Offizier auf Schiffen aller Größen in allen Fahrtgebieten (Regel II/1, Kapitel II, Anhang 1 STCW95-Ü) lassen sich in zwei Komplexe einteilen:

1. Theorieanforderungen

  • Erfüllung der Befähigungsanforderungen des STCW-95-Codes

2. Praxisanforderungen

  • eine Seefahrtzeit von mindestens einem Jahr als Bestandteil eines zugelassenen Ausbildungsprogramms
  • wovon mindestens sechs Monate Wachdienst auf der Brücke unter Aufsicht des Kapitäns oder eines befähigten Offiziers geleistet werden müssen


II. Theorieanforderungen

Natürlich entstand das Konzept der neuen Studienrichtung nicht im luftleeren Raum. Die Nautikausbildung hat am Standort Warnemünde/Wustrow eine 150-jährige Tradition. Somit war bezüglich der theoretischen Lehrinhalte eine Anknüpfung an das traditionelle Nautikstudium als Grundlage für den Neuentwurf relativ unproblematisch. Außerdem waren zu diesem Zeitpunkt die Anforderungen des STCW-95-Ü bekannt und konnten von Anfang an berücksichtigt werden.

Vor allen Seefahrtbildungseinrichtungen stand die Aufgabe, vorhandene Studienprogramme für die nautische Ausbildung den Forderungen der Codes des STCW-95-Ü anzupassen, um auf die weiße Liste der IMO zu gelangen. Dadurch wurden Probleme der Umsetzung der internationalen Forderungen bereits im Rahmen der Zusammenarbeit von Bund und Küstenländern in der Ständigen Arbeitsgruppe für das Seefahrtbildungswesen diskutiert und abgeglichen. Diese erreichten Lösungsansätze waren gleichzeitig Ausgangspunkt für die Theorieanforderungen der neuen Studienrichtung. Probleme bei der Anpassung an die Befähigungsanforderungen des STCW-95-Codes traten insbesondere aus folgenden Gründen auf:

(1) Die STCW-95-Vorgaben bezogen sich auf ein Sandwich-Modell
(2) Es wurden zwar qualitative, aber keine quantitativen Anforderungen gestellt


1. Angleich an des Sandwich-Modell

Das sogenannte Sandwich-Modell sieht eine mindestens zweigliedrige Ausbildung zum Nautischen Offizier vor:

  • Zunächst wird die Qualifikation zum Nautischen Wachoffizier erworben (Operational Level) und
  • in einem weiteren Studienabschnitt erwirbt man die Qualifikation zum Ersten Offizier und Kapitän (Management Level).

Ähnliche Ausbildungswege gab es in der Vergangenheit auch in Deutschland Ost und West. Da sich diese Art der Ausbildung mit aufeinanderfolgenden Studien- und Praxisphasen in der Vergangenheit nicht bewährt hat, wurde von der Ständigen Arbeitsgruppe für das Seefahrtbildungswesen beschlossen, die getrennten Anforderungen des Codes an Operational- und Managementlevel zusammenzufassen.

Im Ergebnis entstanden Rahmenausbildungsanforderungen, die ein den STCW-95-Vorgaben entsprechendes Nautikstudium auf Managementniveau konzipierten.

Es wurden nach zahlreichen Beratungen und Diskussionen bestehende Überlappungen beider Levels beseitigt. Außerdem ergänzte die Arbeitsgruppe die STCW-95-Anforderungen durch notwendige nationale Ausbildungsinhalte. Damit lag ein den qualitativen STCW95-Anforderungen entsprechendes Modell vor, dessen theoretische Rahmenanforderungen als inhaltliche Grundlage für die neue Studienrichtung verwendet werden konnte.


2. Quantitative Studienanforderungen

Die vom STCW95-Ü nicht geregelten Anforderungen an den Stundenumfang der Ausbildung waren Anlaß scharfer Auseinandersetzungen und Konfrontationen. Sie führten zu einer deutlichen Verringerung der bisher an deutschen Ausbildungsstätten geforderten Semesterwochenstunden zum Erwerb des Befähigungszeugnisses zum Nautischen Offizier auf Schiffen aller Größen in allen Fahrtbereichen.

Bezogen auf die Ausbildung in Warnemünde zeichnet sich folgende Entwicklung ab:

StudienordnungSemesterwochenstunden
Uni Rostock (bis 1995)221
Fachbereich Seefahrt (1992)163
StAK - Anforderung (1995)154
StAK - Anforderung (1997)126

Für die Studienrichtung "Nautikstudium mit Seepraktikum" eröffneten diese Minimalforderungen der StAK die gewünschten Freiräume für die Gestaltung eines theoretisch fundierten Studienprogrammes durch den Fachbereich Seefahrt in Warnemünde. Es wurde möglich, den Studenten ein mehr an Basiswissen zu vermitteln und damit gezielt das im Seepraktikum erworbene Wissen zu festigen und zu vertiefen.

Es war außerdem nicht nötig, Abstriche am ingenieurtechnischen Anteil der Grundlagen- und Fachausbildung vorzunehmen. Damit blieb auch für Studenten im Studium mit Seepraktikum die Möglichkeit erhalten, bei Bedarf das Befähigungszeugnis zum Schiffsingenieur zusätzliche zu erwerben. Voraussetzung hierfür ist jedoch der zukünftige Verzicht auf die Forderung nach einem Schiffsmechanikerabschluß seitens der Schiffsbetreibstechnik. Weitere Freiräume wurden durch zusätzliches Simulatortraining und die Vertiefung der Fachausbildung genutzt.

Tabelle: Vergleich StAK-Minimalforderungen zu Studienordnung FB Seefahrt Warnemünde

StAK - MinimalforderungenStudienordnung FB Seefahrt Warnemünde
Nr.FächerSWSSWSFächer
1Navigation1010Navigation
2Meteorologie44Meteorologie/Ozeanographie
3Wachdienst49
9
Grundlagen Verkehrstechnik
Schiffsführung
4Radarsimulator3
5Schiffsf.-Simulator36Simulatortraining
6Manövrieren43Schiffstheorie/Manöver
7Nautisches Englisch
Telekommunikation
10
4
8
9
Maritimes Englisch
Maritime Kommunikation
8Systemüberwachung44Schiffsmaschinenbetrieb
9Schiffsbetriebsstatik66Schiffstheorie/Verkehrsmitteltechnik
10Ladungstechnik49Ladungstechnologie
11Gef. Ladungen
Chemie
6
4
4
2
Chemie / Gefahrstoffe
Tankschiffahrt
12Seehandelsrecht45Seehandelsrecht
13Gesundheitspflege44Gesundheitspflege
14Notfallmanagement62
5
Sicherheitsmanagement
Maritime Verkehrssichicherheit
15Personalführung
Soziologie
6
2
4
2
Personalführung/Soziologie
Seemannsrecht
16Verwaltung,
Ver- und Entsorgung
Wirtschaft
Rechtsgrundlagen
4

4
4
4
4
6
3
Seeverwaltungsrecht
Verkehrswirtschaft
Betriebswirtschaftslehre
Recht
Vergleich100122Fachausbildung
17Mathe/Informatik1214Mathematik / Informatik
18Naturwissenschaften1015Physik / Thermod. / TM
19Elektrotechnik412Elektrot. / Elektronik / MSR
Vergleich2641Grundlagenausbildung
Vergleich126163Summe SWS


III. Praxisanforderungen

1. Inhalt der Praxisanforderungen

Da in der Bundesrepublik seit Jahren keine rein nautische Berufsausbildung mehr angeboten wird, konnte als Grundlage der Praxisanforderungen lediglich auf die

  • Schiffsmechanikerverordnung und die
  • Anforderungen des Ausbildungs- und Einsatzplans für NOA der Berufsbildungsstelle Bremen e.V. zurückgegriffen werden.

Die Anforderungen an die Schiffsmechanikerausbildung erwiesen sich in diesem Zusammenhang als wenig nützlich, da sie überwiegend von Forderungen an die Praxis des Schiffsmaschinenbetriebs bestimmt waren und es dadurch schwierig war, die benötigten nautische Anforderungen aus dem Gesamtpaket herauszuziehen. Zudem war der gesteckte Zeitrahmen nur schwer auf eine Praxisausbildung von 52 Wochen übertragbar.

Nützlicher in diesem Zusammenhang war das NOA- Ausbildungskonzept der Berufsbildungstelle Bremen e.V. Die Praxisinhalte entsprachen in etwa den STCW-Anforderungen und nach ausführlicher Debatte konnte dann auch ein Konsens gefunden werden, der letztendlich als StAK-Rahmenpraktikumsordnung von allen beteiligten Seiten akzeptiert wurde.


2. Zeitlicher Rahmen der Praxisanforderungen

Die als Kompromiß verabschiedete erste StAK-Rahmenpraktikumsordnung bereitete der Verwirklichungm der Studienrichtung "Nautikstudium mit Seepraktikum" einige Schwierigkeiten. Besonders die strikte Forderung, das Seepraktikum in Perioden von zweimal 26 Wochen abzuleisten, von denen die ersten 26 Wochen definitiv vor dem Studium zu erbringen waren, stellte den Fachbereich Seefahrt in Warnemünde vor Probleme.

Dies war besonders ärgerlich, zumal diese starren Vorgaben keineswegs Bestandteil des STCW-95-Ü sind und hier lediglich eine Seefahrtzeit von mindestens einem Jahr als Bestandteil eines zugelassenen Ausbildungsprogramms gefordert wird und selbst die Neuformulierung des § 10 I der SchOffzAusbV keine derartigen Vorgaben enthält.

Die StAK-Rahmenpraktikumsordnung stellte den FB Seefahrt vor die Wahl, entweder auf die Möglichkeit des gemeinsamen Grundstudiums von Schiffsingenieuren und Nautikern zu verzichten oder diese Studienrichtung grundsätzlich nur zum Sommersemester mit Beginn im März anzubieten.

Die erste Variante war in Warnemünde nicht umsetzbar, denn sie hätte bedeutet, daß sämtliche Lehrveranstaltungen im Grundstudium um ein Semester versetzt und damit für diese Studienrichtung extra angeboten werden müßten. Dies hätte alle am Fachbereich vorhandenen Synergieeffekte des gemeinsamen Grundstudiums von Schiffsingenieuren und Nautikern zunichte gemacht und letztendlich den Einsatz von zusätzlichem Lehrpersonal erfordert.

Damit blieb nur die zweite Variante übrig: Den Start der Studienrichtung jeweils zum Sommersemester. Wie befürchtet, gab es ein relativ schwaches Echo unter den potentiellen Bewerbern. Gründe hierfür waren:

  • Ende der Abiturprüfungen idR im Juni
  • Ende der Ableistung der Wehrpflicht idR im Zeitraum Juli-November

Das Resultat war ein bescheidener Start in der neuen Studienrichtung, den der FB Seefahrt so nicht akzeptieren konnte.

Unterstützt vom Nautischen Verein zu Rostock wurde daher beim Kultusministerium Mecklenburg-Vorpommern das Problem zur Sprache gebracht. Der Erfolg dieses Vorstoßes war eine Empfehlung der Staatskanzlei. Diese Empfehlung enthielt die Sonderregelung zusätzlich zur allgemeinen StAK-Rahmenpraktikumsordnung in Mecklenburg-Vorpommern die Möglichkeit zu schaffen, das Seepraktikum in einem Block am Ende des Studiums zu absolvieren.


IV. Das Ausbildungskonzept

Im Ergebnis dieser Vorgaben entstand ein Konzept, das die von der StAK beschlossenen Mindestanforderungen in qualitativer und quantitativer Weise einschließt und dabei bezüglich der ingenieurtechnischen Ausbildung weit über die geforderten Mindeststunden hinausgeht.

Was die Praxisausbildung betrifft, orientiert sich der FB Seefahrt in Warnemünde an den international von der IMO und dem ISF geforderten Inhalten sowie dem zeitlichen Rahmen von mindestens 52 Wochen.

Da das Seepraktikum an keine starren Rahmenbedingungen mehr geknüpft ist, wird es uns zukünftig möglich sein, sehr flexibel auf die Ausgangsvoraussetzungen der Studenten zu reagieren.

So bietet Warnemünde nach wie vor zum Sommersemester (im März) den Start in das Studium mit Seepraktikum an. Zusätzlich können jetzt aber auch die Studenten immatrikuliert werden, die sich zum Wintersemester bewerben. Von ihnen wird entsprechend den einschlägigen Hochschulregelungen ein mindest zwölfwöchiges Vorpraktikum gefordert, von dem mindestens acht Wochen vor Aufnahme des Studiums an Bord eines Seeschiffes abzuleisten ist. Das restliche Praktikum kann dann als Gesamtblock im 6. Semester komplettiert werden. Je nach Vorleistung der Studenten beträgt dieser Praxis-Block 26 bis 44 Wochen und gilt erst als erfüllt, wenn sämtliche Forderungen des Training-Record-Books abgearbeitet sind. Danach beginnt dann das Diplomsemester mit Blockstudienveranstaltungen und dem Erstellen der Diplomarbeit.

Die Vorteile dieser Regelung liegen auf der Hand:

1. Ein effektiveres Studium

  • Der Student bestimmt, wieviel Studienzeit er zusätzlich für das Praktikum benötigt.
  • Vorlesungsfreie Studienabschnitte können für das Seepraktikum genutzt werden.

2. Besser vorgebildete Praktikanten

  • Die Studenten haben die volle Theorieausbildung absolviert.
  • Unter Anleitung können Aufgaben eines Wachoffiziers erfüllt werden.

3. Vorhandene Synergieeffekte in der Ausbildung bleiben erhalten

  • Vom ersten bis zum fünften Semester können alle Studienvarianten zeitgleich angeboten werden.
  • Erfahrungen aus dem Seepraktikum können für die Anfertigung der Diplomarbeit verwendet werden.

Den Studienablauf der verschiedenen Varianten zeigt die folgende Übersicht:

Semestereinteilung nach StudienordnungV123456789
Schiffsmechaniker mit Abitur - Nautik (traditionell) 123456   
Schiffsmechaniker mit Abitur - Nautik/SBT(traditionell) 123456MM 
Nautik mit Seepraktikum (Beginn: Sommersemester)S12345S6  
Nautik mit Seepraktikum (Beginn: Wintersemester)p12345SS6 

    V "Vorsemester"
    M Erwerb des zweiten Befähigungszeugnisses (SBT)
    S Seepraktikum von 26 Wochen (jeweils ab März)
    p Seepraktikum von mindestens 8 Wochen vor Studienbeginn

Das vorliegende Konzept eines Studiums mit Seepraktikum erfüllt somit sämtliche nationalen und internationalen Forderungen an die Schiffsoffiziersausbildung.

Es garantiert durch Umfang und Inhalt des Studiums eine hohe Qualität der Ausbildung in Theorie und Praxis.

Daneben bietet die geltende Studienordnung einen flexiblen Einstieg ins Studium sowohl zum Sommer- als auch zum Wintersemester und wird damit den Wünschen der potentiellen Studienbewerber gerecht.