Beitrag 8

Der Einfluß von Praxisausbildung und Simulatortraining auf die vom STCW-95-Übereinkommen geforderte Ausbildungsqualität

Neue Aspekte der Lotsenausbildung unter dem Einfluß veränderter rechtlicher Rahmenbedingungen

Dipl.-Ing. Kurt Steuer
Präsident des Bundesverbandes der See- und Hafenlotsen


Das Lotswesen hat in den meisten traditionellen Schiffahrtsnationen, so auch in Deutschland, in der Vergangenheit immer auf den gestandenen, berufserfahrenen Praktiker zurückgegriffen:

Kapitän AG + Berufspraxis von 6 Jahren mit ausgefahrenem Patent + 6 Monate Revier-bezogene Lotsenausbildung führten zur Bestallung als Lotse auf dem jeweiligen Lotsenrevier. Darauf aufbauend muß der bestallte Lotse über einen Zeitraum von 2 bis 4 Jahren als Lotse mit Größen-beschränkter Lotstätigkeit die notwendige umfassende Berufserfahrung erlangen, um anschließend alle das Revier anlaufenden Schiffe beraten zu können.

Diese "heile Welt" des Lotsenwerdeganges ist heute nicht mehr gegeben. Die Umsetzung von STCW-95 hat die Eingangskriterien in Deutschland verändert. Die praktische Fahrzeit mit ausgefahrenem Patent, welche der Lotsenbewerber zur Aufnahme in die Bewerberliste nachweisen muß, wurde von 6 auf 2 Jahre verkürzt. Das Lotswesen unterliegt einem generellen strukturellen Umbruch. Die Qualitätsanforderungen an das Lotswesen und die Anforderungen an die Qualifikation unterliegen der öffentlichen Kritik und werden überprüft.

Es ist zu hinterfragen, welchen Anforderungen an seine Qualifikation der Lotse zum Zeitpunkt seiner Bestallung genügen muß.

Dazu ist festzustellen, daß der Lotse in Deutschland seine höherwertige Dienstleistung als freien Beruf versieht. Aus Sicht der Schiffsführungen stellt er ein wesentliches Element des nationalen, hoheitlichen Verkehrssicherungssystems dar. Damit ist die Ausübung seiner risikoreichen Tätigkeit mit hohen gesellschaftlichen Ansprüchen an seine Person verbunden. Die vom Lotsen geforderte Bereitschaft zum Risiko und die Verantwortlichkeit für sein konkretes Handeln während seiner Berufsausübung mit der Folge der Haftung erfordern in jedem Falle die umfassende praktische Berufserfahrung auf der Basis einer gesicherten theoretischen Grundlage. Sie bedürfen im Verlaufe des Berufslebens stets der Weiterentwicklung.

Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob man das Berufsprofil des Lotsen in Zukunft mehr eigenständig definieren und darauf aufbauend einen eigenständigen Weg der Ausbildung, wie z. B. bei Fluglotsen oder Piloten, festlegen sollte?

Im Top-down sind im weiteren Verlauf der Überlegungen

  1. die Forderungen an die Eingangsqualifikation zum Zeitpunkt der Bewerbung,
  2. die Anforderungen an die Lotsenausbildung,
  3. die Anforderungen an das darauf aufbauende Weiterbildungssystem
festzulegen.

Diese drei Punkte sind die zentralen Kriterien einer auch vom Lotswesen geforderten Qualitätssicherung.