Beitrag 2

Der Begriff "Fachschule" und worauf man bei seiner Verwendung in der Schiffsoffiziersausbildung achten sollte

Prof. Dr. rer. nat. habil. Ulrich Scharnow
Hochschule Wismar, Fachbereich Seefahrt Warnemünde


  1. Die deutsche Fachschulbildung des 19. und 20. Jahrhunderts
  2. Von der Fachschule (alt) zur Fachhochschule
  3. Die Einordnung der Ausbildung zum 'Kapitän auf großer Fahrt'
  4. Was wurde aus der unteren Stufe des deutschen Fachschulwesens?
  5. Vorschlag: Der zweite Bildungsweg, vom Schiffsmechaniker zum Kapitän AG
  6. Zusammenfassung


Auf dem letzten Verbandstag des VdKS wurde auch über die vorgesehene Fachschulausbildung zum AG diskutiert und dabei die Meinung vertreten, die jetzige und zukünftige Fachschulausbildung von Seiten des VdKS zu unterstützen. Diese Aussage ist richtig, denn es hat immer für Absolventen der allgemeinbildenden Schulen einen Weg zum höchsten Befähigungszeugnis gegeben und das Interesse daran war groß, wie die sogenannten "Durchsteiger" von der Fachschule zur Fachhochschule in den letzten Jahrzehnten bewiesen haben. Unterstützen heißt aber nicht die Hürden zur Erlangung der höchsten nautischen Befähigung abzubauen, sondern Unterstützung vom Verband muß doch heißen, Wege zu erschließen, die sicherstellen, daß die Fachschulabsolventen den Anforderungen des Befähigungszeugnisses AG und darüber hinaus dem Berufsfeld Nautik gerecht werden. Der VdKS muß mit dazu beitragen, den Weg über die Fachschule so zu gestalten, das diese Nautiker davor bewahrt werden, nach wenigen Jahren Berufsleben, beim Übergang auf den internationalen Arbeitsmarkt, insbesondere aber bei einem Übergang in eine Landstellung festzustellen, daß man sie mit primitiven Redewendungen, "Was muß ein AG denn mehr wissen als ein AM?", falsch beraten und auf ein instabiles Lebensschiff gesetzt hat, das 40 Berufsjahre nicht übersteht.

Einen stabilen Weg vom Realschüler über den Schiffsmechaniker zum Kapitän AG und vor allem zum Berufsfeld Nautik zu finden, hierzu sollen die folgenden Ausführungen beitragen.


Die deutsche Fachschulbildung des 19. und 20. Jahrhunderts

Im Zusammenhang mit der Umsetzung des STCW-Übereinkommens wird verstärkt mit dem Begriff "Fachschule" gearbeitet. Es werden Vergleiche mit der früheren Fachschulausbildung angestellt und daraus Schlußfolgerungen für die zukünftige Ausbildung gezogen.

Es ergibt sich die Frage, ob hier Gleiches mit Gleichem verglichen wird, oder ob man dem Wort Fachschule nachläuft, ohne sich seines allgemeinen Inhaltes in Deutschland voll bewußt zu sein. Das Wort Fachschule hatte in den letzten 150 Jahren in Verbindung mit der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung Deutschlands einen so guten Klang, daß es viele Bildungsstätten für sich beanspruchen. Fachschulbildung war aber nie ein einheitlich definiertes Bildungsniveau, sondern Fachschulbildung war eine Methode, die horizontal und vertikal das ganze deutsche Bildungswesen im 19. und 20. Jh. beherrschte und zu hohen technischen und wirtschaftlichen Leistungen geführt hat. Fachbildung vermitteln heißt für einen bestimmten Beruf tiefgründig ausbilden, den Absolventen zu spezialisieren, mehr nicht, aber auch nicht weniger.

In Deutschland gibt es seit Mitte des 19. Jh., drei deutlich erkennbare Stufen von Fachschulen, die für Berufe, die in den verschiedenen Bildungsniveaus angeordnet sind, ausbilden (Siehe hierzu: Brockhaus Konversationslexikon 1894):

- Die obere Stufe, die Technischen Hochschulen, hierzu gehören die Akademien und andere Lehranstalten mit akademischem Hintergrund, bis hin zu den Technischen Universitäten, die teils aus Fachschulen dieser oberen Stufe hervorgegangen sind. Bergakademie, Landwirtschaftsakademie. An diesen akademischen Lehranstalten werden die Führungskräfte für den jeweiligen Wirtschaftszweig und für die Betriebe, sowie für Forschung und Entwicklung ausgebildet. Als akademische Lehranstalten obliegt ihnen die Pflege der Grundlagenwissenschaften und die Integration der Wissenschaften.

- Die mittlere Stufe der Fachschulen, die für bevorzugte leitende Stellungen eines Berufes, dem sie gewidmet sind, ausbilden, hierzu gehören die Fachschulen für leitende Mitarbeiter und gehobene Berufe, unter ihnen die Handelsschulen (Direktoren), die technischen Schulen (später Ingenieurschulen), (Konstrukteure, Betriebsleiter), und die 'Schiffahrtsschulen' (Navigationsschulen) für gehobene Stellungen in der Schiffahrt. Am unteren Ende der mittleren Stufe die Werkmeisterschulen und Bergschulen (Steiger, Markscheider). In dieser mittleren Stufe war auch die Bezeichnung "Fachschule" bis etwa 1970 am weitesten verbreitet. Schulen dieser Stufe wurden, den wachsenden Anforderungen entsprechend, in der BRD in Fachhochschulen umgewandelt.

- Die untere Stufe der Fachschulen, die sich im Bereich der Berufsausbildung der Facharbeiter betätigen, sie ersetzen Berufsausbildung, dort wo der Weg über den Lehrling nicht üblich ist (Technische Zeichner, Blecharbeiter, Kunstschlosser, Lokomotivführer), oder sie ergänzen die Berufsausbildung durch Fortbildung (Meister, Poliere, Goldschmiede). Hier sind auch die 'Schiffahrtsschulen' eingeordnet, die in Form von Lehrgängen die Ausbildung der Küstenschiffer und Küstenfischer durchführten, die immer in der Meisterebene der Wirtschaft eingeordnet wurden. Hier ist heute die Fachschulausbildung vom Begriff her eingeordnet.

Die Schulformen dieser drei Stufen der Fachschulausbildung sind heute:

Für die obere Stufe:Technische Universitäten und Akademien.
Für die mittlere Stufe:Fachbereiche der Fachhochschulen.
Für die untere Stufe:Fachschulen der Beruflichen Schulen.

Die Bildungsziele, die man mit dem Bildungsweg der jeweiligen Fachausbildung erreichen kann oder konnte, sind folglich:

Technische Hochschule, Akademie:Diplomingenieur (HS)
Fachschule (alt) bis etwa 1970:Fachschulabsolvent - Ingenieur (grad.) -
Fachhochschule ab 1970:Diplomingenieur (FH)
Fachschule der Berufliche Schulen:Staatlich geprüfter Techniker/ Meister

Das sind für jedermann sichtbare Unterschiede des Gesetzgebers, die nicht nur beim Bildungsgrad, sondern auch bei der Zuordnung der Befähigungen zu beachten sind.


Von der Fachschule (alt) zur Fachhochschule

Die Fachhochschulen sind speziell für die Ausbildung des mittleren Managements vorgesehen und sind gesetzlich als praxisorientierte Hochschulen konzipiert, die Fachkräfte (Dipl.-Ing. FH) für mittlere und gehobene Positionen in Verwaltung, Wirtschaft und Produktion ausbilden. Ein Ziel, dem sie durch das allgemein an den Fachhochschulen verbindliche Praktikumssemester gerecht zu werden suchen. An dieser Entwicklung nahmen auch die "Seefahrtschulen" teil, an denen zum AG ausgebildet wurde. Sie wurden Fachbereiche der Fachhochschulen. Den Absolventen der alten Fachschulen mit einer Ausbildung von 3 Jahren wurde der FH-Abschluß zuerkannt.


Die Einordnung der Ausbildung zum 'Kapitän auf großer Fahrt'

Die Ausbildung der Nautiker erfolgte seit dem 19. Jh. in den Navigations- und späteren Seefahrtschulen, die mit ihrer Gründung als staatliche Navigationsschulen dem mittleren Niveau der Fachschulen zugeordnet waren und zu gehobenen Stellungen im Berufsfeld Nautik ausbildeten. In diesem Niveau wurden die Kapitäne von Schiffen in der großen Fahrt bisher stets geführt.

Nach der Reform der Ausbildung von Nautikern 1926, dauerte die theoretische Ausbildung 4 Halbjahre mit eingeschlossener praktischer Fahrzeit von zwei Jahren. Davon wurden 3 Halbjahre für den Steuermannslehrgang zum ersten Befähigungszeugnis (A5) und nach mindestens 2jähriger Praxis ein Halbjahr für den Kapitänslehrgang (A6) verwendet. Die Fahrzeit als 4. und 3. Offz., war pädagogisch von großer Wirksamkeit, sie war ein Teil der Gesamtausbildung und hatte erhebliche Auswirkungen auf Praxiserfahrung und persönlicher Reife des Absolventen. Als Nachweis dieses Praktikums war ein Arbeits- und Beobachtungsbuch vorzulegen, das von den Lehrkräften der damaligen Fachschule überprüft wurde. Nicht zuletzt hatte diese Fahrzeit aber auf das fachliche Niveau in den Kapitänslehrgängen und der Prüfung positiven Einfluß, die erst zum damaligen Fachschulabschluß (in der mittleren Stufe) führten.

Im Durchschnitt besuchten nur 60 % der Teilnehmer am Steuermannslehrgang den Kapitänslehrgang. Das führte u.a. auch zu einem Auswahlprozeß, der sich auf das Niveau der Absolventen der Seefahrtschule und auf die Qualität des erreichten Bildungsniveaus auswirkte. Hinzu kam, daß mehr als die Hälfte der Schüler schon zu damaliger Zeit eine Realschule besucht und ein beachtlicher Teil ein Abitur hatte.

Die theoretische Ausbildung wurde Ende der 60iger Jahre bis auf 6 Semester (3 Jahre) verlängert, und von der unterbrochenen Ausbildung zur durchgehenden Ausbildung übergegangen, ohne als Ersatz für die ausgefallene Fahrzeit ein Praktikum vorzusehen. Damals gab es noch für alle Absolventen deutsche Schiffe mit ausreichender deutscher Besetzung, dem "Unbefahrenen 4. oder 3. Offz." konnte folglich an Bord die notwendige Unterstützung gegeben werden.

Nach dem oben beschriebenen Bildungsweg "Fachschule mittlerer Stufe", zu dem, als unterbrochene Ausbildung, ein praktischer Borddienst als Nautiker gehörte, wurde bis etwa 1970 ausgebildet. Diese unterbrochene nautische Ausbildung dauerte, nach Erfüllung der vorgeschriebenen Matrosenfahrzeit, bis zum Fachschulabschluß 4…5 Jahre. Die Seefahrtschulen standen im Niveau der Ingenieurschulen.

Die nach diesem Bildungsweg ausgebildeten Nautiker sind heute 48 bis über 65 Jahre alt, sind also als Kapitäne, Lotsen, Inspektoren, Seefahrtschullehrer (Professoren) und in leitenden Positionen der Bundesbehörden zu finden, für das die Fachschulen im mittleren Niveau, wie oben beschrieben, ausbildeten. Die höchsten beruflichen Stellungen im Berufsfeld Nautik sind heute folglich von Fachschulabsolventen dieses Ausbildungsweges besetzt.

Wer sich heute mit Nautikern, die über 48 Jahre alt sind, über die Qualität der nautischen Fachschulausbildung unterhält, muß diesen Bildungsweg der befragten Nautiker berücksichtigen. Man wird von diesen erfahrenen Nautikern mit Recht nur Positives über die Fachschulausbildung von Nautikern hören und von vielen, daß die(se) Fachschulausbildung für einen Kapitän auf großer Fahrt völlig ausreiche. Für diese gestandenen Nautiker hat eine Fachschulausbildung, die sie empfehlen, das oben beschriebene Niveau. Ich habe noch von keinem Nautiker diesen Alters gehört, er sei überqualifiziert worden und ein Lehrgang zum Kapitän auf kleiner Fahrt hätte für seine Tätigkeit als Kapitän ausgereicht. Auch ihre heutige Stellung an Land hätten sie mit geringerer Ausbildung nicht erhalten, im Gegenteil, viele haben nach der praktischen Fahrzeit noch ein Hochschulstudium absolviert, um ihre heutige Position in der Seewirtschaft überhaupt zu bekommen.

Um das Niveau der nautischen Ausbildung in der mittleren Stufe zu erhalten, war der Übergang zur Fachhochschule ein der wissenschaftlich-technischen Entwicklung geschuldeter logischer Schritt, den auch andere europäische Länder im gleichen Zeitraum vollzogen haben. Ausländische Nautiker legen den Bachelor´s degree (Portugal) oder den Master-degree (Polen), zumindest aber die Anerkennung des Abschlusses als Europaingenieur vor. Alle bisher bekannten Arbeitspapiere der EU, die die Ausbildung von Nautikern betreffen, lassen eindeutig erkennen, daß das auf einer drei bis vier jährigen Ausbildung beruhende Niveau des Europaingenieurs angestrebt wird.

Das Studium an den Fachbereichen Seefahrt der FH in Deutschland dauert drei Jahre, hat also die gleiche Dauer, wie die vorher übliche Fachschulausbildung, setzt aber die Fachhochschulreife voraus, wodurch sich die Zugangsmöglichkeiten erheblich verändert haben. Obwohl die Seefahrtschulen, bis auf die letzten Jahre, schon immer in ihrem Studium eine Praxiszeit eingeschlossen hatten, wurden gerade das an allen Fachhochschulen übliche Praktikumssemester und das Diplomsemester nicht eingeführt. Eine solches Praktikum theoretisch ausgebildeter Nautiker durch Fahrzeit als Lehrling vor dem Studium ersetzen zu wollen, ist pädagogisch nicht nachvollziehbar.

Verschärft wurde diese Entscheidung dadurch, daß man im gleichen Zeitraum den 4. Offz. im Zuge der Besatzungsreduzierung einsparte und die Stelle des 3. Offz. und teils auch des 2. Offz. mit Ausländern besetzte. Damit ist die praktische Einführung der Absolventen in die Aufgaben des Nautikers nicht mehr gesichert. Noch kritischer ist diese Situation, wenn der Absolvent den deutschen Schiffen unter fremder Flagge folgt. Jetzt soll der deutsche Kapitän, bei all seiner Belastung, vielfach selbst in den Wachdienst einbezogen, auch noch den unbefahrenen Absolventen betreuen.

Zum Glück für die jungen Nautiker, hat die neue STCW dieser Situation durch die Forderung eines nautischen Praktikums und die Formulierung von Praktikumsaufgaben, die ohne nautische Vorbildung nicht erfüllt werden können, ein Ende gesetzt.


Was wurde aus der unteren Stufe des deutschen Fachschulwesens?

Auch hier hat es eine Erhöhung des Bildungsniveaus gegeben, in der Seeschiffahrt allein schon durch die Einführung der Berufsausbildung zu Matrosen und später zum Schiffsmechaniker. Hinzu kommen die damit verbundene weitere Allgemeinbildung und die Qualifizierung zur FH-Reife. Auch die nicht zu Fachhochschulen umgebildeten Seefahrtschulen erhöhten ihr Niveau und nahmen sich vor allem der Schiffsmechaniker an, die keine FH-Reife hatten. Obwohl schon die alte STCW keine mittlere Fahrt kannte, wurde diese Ausbildung, die nach STCW eine für die große Fahrt war, aktiv weiterentwickelt. Viele Fachschulabsolventen erwarben über den "Durchsteiger" ihren FH-Abschluß, aber nebenbei wurde auch das AM für immer größere Tonnage zugelassen. Jetzt soll der Griff nach ganz oben erfolgen. Warum 6 000 t und nicht 60 000 t? Der Boden, den man immer fest stehen sollte, ist durch ständige Ausnahmeregelungen verloren gegangen. Bevor Ausnahmen zur Regel werden, sollte man nocheinmal über die Voraussetzungen nachdenken.

Sehr viele Diskussionen über zu viele Fachbereiche Seefahrt, keine Diskussion darüber, wenn die Anzahl der zum AG ausbildenden Schulen verdoppelt wird. Ausbildung ist aber teuer, je mehr Schulen, um so teurer der einzelne Student.

Die verbliebenen Seefahrtschulen sind Fachschulen der unteren Stufe der Fachschulausbildung und sind dem Bereich der "Beruflichen Schulen" zugeordnet.

Zu den Beruflichen Schulen gehören in Deutschland die 'Berufsfachschule', die 'Höhere Berufsfachschule', die 'Fachoberschule', das 'Fachgymnasium', die 'Fachschule', und die 'Berufsschule'. Ihre Aufgaben sind die Facharbeiterausbildung, die Ausbildung von Absolventen der Haupt- und Realschule zu Berufen, die nicht in einer betrieblichen Berufsschulausbildung (duales System) erfaßt sind, die Weiterführung der Allgemeinbildung vom Hauptschulabschluß zum Realschulabschluß und der Realschüler zur allgemeinen oder auch fachbezogenen Hochschulreife.

Als Beispiel für spezielle Aufgaben der heutigen Fachschule sei hier auf § 28 der Verordnung über die Aufgaben der Beruflichen Schulen in Mecklenburg-Vorpommern hingewiesen, der hier im vollen Textlaut zitiert werden soll:

1) Die Fachschule vermittelt vertiefte und erweiterte berufliche Fachkenntnisse und erweitert die allgemeine Bildung.

(2) Die Aufnahme in die Fachschule setzt den Berufsschulabschluß oder den Hauptschulabschluß voraus. Außerdem sind regelmäßig eine einschlägige abgeschlossene Berufsausbildung und regelmäßig eine zweijährige einschlägige Berufserfahrung erforderlich. Soweit es der Bildungsgang einer Fachschule erfordert, kann auch der Realschulabschluß vorausgesetzt werden.

(3) Der Besuch der Fachschule dauert mindestens ein Schuljahr. Die an der Fachhochschule angegliederten fachverwandten Bildungsgänge der Seefahrt können auch weniger als ein Schuljahr umfassen. Die Fachschule schließt mit einer Prüfung ab und verleiht einen staatlichen Abschluß. Die Fachschule kann auch auf eine Meisterprüfung vorbereiten.

(4) Bei einem Fachschulbildungsgang, dessen Zugangsvoraussetzungen der Hauptschulabschluß ist, wird mit dem erfolgreichen Abschluß auch ein dem Realschulabschluß gleichwertiger Abschluß erreicht. Bei einem Fachschulbildungsgang, dessen Zugangsvoraussetzung der Realschulabschluß ist, kann durch Zusatzunterricht und Zusatzprüfung die Fachhochschulreife erworben werden."

In dieses gesetzlich vorgegebene Ausbildungsniveau wäre in Zukunft der 'Kapitän auf großer Fahrt' in der deutschen Bildungshierarchie einzuordnen. Es wird ein Beruf, den man auf der Grundlage der Bildungsmöglichkeiten der "Beruflichen Schulen" heraus ausüben kann, ein solider Facharbeiter, der sich zum Staatlich geprüften Techniker, vielleicht sogar zum Meister fachlich weiterqualifiziert hat. Das ist in Zukunft der Wert des Befähigungszeugnisses "Kapitän auf großer Fahrt".

Mit dieser neuen, im Aufgabenbereich der "Beruflichen Schulen" liegenden Fachschulausbildung zum AG soll der betroffene Nautiker auch auf dem internationalen Arbeitsmarkt bestehen, soll eine Heuer einfahren, mit der er seine Familie in Deutschland ernähren kann. Welche Chancen hat der mit zwei Jahren Fachschule ausgebildete Kapitän unter fremder Flagge, und wie beeinflußt er das Image deutscher Nautiker generell und damit deren Ansehen auf dem internationalen Arbeitsmarkt?

Zu dieser Entwicklung des Berufes "Kapitän auf großer Fahrt" muß sich der VdKS positionieren, und nicht zu der Frage, ob der Kurs des Schiffes denn mit AG anders abgesetzt werde als mit AM, wie es in verantwortlichen Kreisen, selbst von Professoren der FH, heute diskutiert wird.

Welche Auswirkungen es auf Charterer, Versicherer und die Öffentlichkeit hat, wenn große Passagierschiffe oder Schiffe mit gefährlicher Ladung oder überhaupt große Containerschiffe mit wertvoller Ladung von staatlich geprüften Technikern geführt werden, ist vor allem von den Reedern wirtschaftlich sorgfältig zu überprüfen.

Problematisch ist auch das Verhältnis der Schiffsoffiziere untereinander, wenn einem im Technikerniveau ausgebildeten Kapitän voll ausgebildete Diplomingenieure unterstellt sind. Die Verantwortung für die Schiffsführung wird der Kapitän tragen müssen, ob er sie fachlich tragen kann und unter seinen Offizieren die dazu erforderliche Autorität besitzt, die eine sichere Schiffsführung voraussetzt, ist fraglich.

Im Niveau eines Staatlich geprüften Technikers ausgebildet, soll der deutsche Nautiker persönlich die Verantwortung für Schiff und Ladung, mit einem Wert von 150 Mill. DM oder mehr, oder für ein Passagierschiff mit rund 1000 Passagieren tragen. Alle Arbeitsprobleme und den Schriftverkehr hat er in englischer Sprache zu lösen. Dabei sind ihm gut ausgebildete ausländische Nautiker oder Diplomingenieure unterstellt, die im Herzen den Wunsch haben, auch einmal Kapitän zu werden, wie dieser deutsche Fachschul-Techniker. Das führt zu einem gesunden, aber für unsere neuen Techniker ruinösen Wettbewerb, vor dem sie der VdKS schützen sollte. Der Verdrängungsprozeß deutscher Nautiker wird sich, durch die bessere Ausbildung der Ausländer, verstärken.

Als Deutsche haben wir auf dem internationalen Arbeitsmarkt nur eine Chance, wenn wir mehr Wissen und Können unser Eigen nennen, als notwendig ist, ein Schiff von A nach B zu bringen.

In Ausnahmesituationen richtig handeln und entscheiden, in englischer Sprache argumentieren oder dokumentieren, durch fachliche Überlegenheit ausländische Mitarbeiter richtig anleiten, das bringt ökonomische Vorteile für Schiff, Reeder und Charterer. Wer den Ruf der Kapitäne durch Minimierung der Ausbildung eines Teil von ihnen untergräbt, schadet dem Ruf der deutschen Schiffe und auch den der unter deutschem Management stehenden Schiffe. Nur mit einem guten, auf Können beruhendem Berufsimage wird es deutschen Nautikern gelingen, sich ihr Heimatland-Lohnniveau zu sichern.

Leidtragende einer minimalen Ausbildung sind zuerst die Absolventen dieser Ausbildung. Nicht zuletzt, wenn sie eine Arbeit im Landbereich aufnehmen wollen, wird ihnen klar werden, daß das Befähigungszeugnis nicht das entscheidende ist, und ein Staatlich geprüfter Techniker wesentlich schwieriger gut bezahlte Arbeit findet, als ein Diplom-Ingenieur oder Diplom-Wirtschaftsingenieur.

Die sich daraus ergebene Verlängerung der mittleren Verweildauer an Bord ist von den Befürwortern dieser Ausbildung gewollt, sie ist eines der Hauptargumente für eine Fachschulausbildung. Die freie Entscheidung zu einer langen aktiven Seefahrtzeit, wie sie sich durch Beherrschung des Berufes und damit einer persönlichen Befriedigung im gewählten Beruf ergibt, ist aber etwas anderes als ein durch mangelnde Möglichkeiten des Berufswechsels nach Land sich ergebender wirtschaftlicher Zwang zur Verlängerung der Seefahrtzeit. Hierdurch entsteht Frust mit allen unerwünschten Folgen für die sichere und zuverlässige Arbeit an Bord.

Wie können wir interessierten Realschulabgängern und Schiffsmechanikern den Weg zum höchsten Befähigungszeugnis erschließen und ihn so gut qualifizieren, daß er allen Anforderungen des Berufes gerecht werden kann? Wie sollte der zweite Bildungsweg aussehen?


Vorschlag: Der zweite Bildungsweg, vom Schiffsmechaniker zum Kapitän AG

Mit der Einführung der Fachhochschulausbildung, die die Hochschulreife voraussetzt, wurde der Weg der Schiffsmechaniker mit Realschulabschluß zum Kapitän AG durch die fehlende Hochschulreife wesentlich erschwert. Den "Durchsteiger", der bisher über das AM das AG erwarb, wird es nach der jetzt vorgesehenen Fachschulausbildung kaum noch geben, denn das höchste Befähigungszeugnis ist vorhanden.

Entscheidet man sich gegen eine FS-Ausbildung, die zum AG führt, so bleibt eine Gruppe von Seeleuten vor der Tür, denen dieser Beruf früher offen stand. Um diese Gruppe müssen sich der VdKS und andere Institutionen bemühen. Bemühen und fördern heißt aber nicht, die Hürden ganz niedrig einzustellen, sondern ch angemessene Forderungen fördern, die Realschüler und Schiffsmechaniker zu Leistungen befähigen, mit denen sie auf dem internationalen Arbeitsmarkt ihren Arbeitsplatz finden. Dabei müssen auch Festlegungen und verhärtete Standpunkte überprüft werden.

Beim Lesen der STCW 95 bietet sich die Lösung für einen praxisorientierten zweiten nautischen Bildungsweg geradezu an. Nach der Berufsausbildung und entsprechender Fahrzeit als Schiffsmechaniker könnte der Besuch der Fachschule erfolgen. Diese enthält den Operational Level (Wachoffizier, oder 2nd-Mate Certifikat) und die Fachhochschulreife. Damit erfüllt sie genau die Aufgaben, die der Gesetzgeber für Fachschulen formuliert hat. Nach entsprechender Fahrzeit kann das Befähigungszeugnis Kapitän in der Küstenfahrt erworben werden, auf Schiffen mit einer Größe, die vom Staat festzulegen wäre. In der Nord- und Ostsee gibt es viele und große Schiffe, für die Kapitäne und Offiziere erforderlich sind.

Wer im zweiten Bildungsweg zum AG bleibt, könnte nach zwei Jahren Fahrzeit für ein Aufbaustudium im Management-Level, wie das heute in der STCW heißt, an eine Fachhochschule gehen. Hier wird das Fundament zum AG gelegt. Das Ergebnis ist ein Nautiker, der das STCW in allen Punkten erfüllt und dem man kein mangelndes Fachwissen nachsagen kann.

Damit wird aber auch ein Level erreicht, mit dem man für diese Ausbildung die Anerkennung als Europaingenieur beantragen könnte. Auf diesem Weg kommt die deutsche Seeschiffahrt zu dem Nautiker, von dem viele Reeder und ihre Inspektoren reden, den weitgehend praktisch versierten und orientierten Kapitän.

Einen solchen praxisorientierten Nautiker wird man aber auf dem jetzt von vielen Reedern favorisierten Weg über Berufsausbildung und anschließender Fachschule von 2 Jahren und ohne nautisches Praktikum nicht ausbilden können.

Wo die Praxisorientierung dieser jetzt vorgesehenen Fachschulabsolventen mit AG herkommen soll, ist nicht zu erkennen. Der Fachschüler erhält während der Berufsausbildung zum SM 12 ..16 Monate Fahrzeit, also wenig mehr als die Abiturienten, und befindet sich dann wieder zwei Jahre an der Fachschule und damit ist die jetzt aus den Entwürfen zur Umsetzung der STCW zu erkennende Ausbildung zum AGW und AG beendet. Man kann bestenfalls nur einen mäßigen Verschnitt der jetzigen Ausbildung zum AG an den Fachhochschulen erkennen. Natürlich kann er ein Schiff von A nach B bringen, ist er aber auf die Bedingungen des 21. Jahrhunderts richtig vorbereitet?


Zusammenfassung

Eine Bildungsmöglichkeit für Realschüler und Schiffsmechaniker zum Kapitän auf großer Fahrt gab es in Deutschland immer und wir benötigen ihn auch heute. Dieser darf aber nicht durch Abwertung der Aufgaben in der Schiffsführung erschlossen werden, sondern durch eine der Leistungsfähigkeit angepaßte schrittweise Ausbildung. Wir müssen den Schiffsmechaniker befähigen, die mit einem AG verbunden Aufgaben auch in schwierigen Situationen mit hoher Qualität zu erfüllen. Nur so können sie vollwertiger Partner der Nautiker des ersten Bildungsweges werden und sich am Arbeitsmarkt erfolgreich durchsetzen. Auch diese Fachschüler sind letztlich junge Nautiker und brauchen eine Basis, mit der sie ihr Berufsleben in den kommenden 40 Jahren gestalten können. Einen solchen Weg für den Nachwuchs zu erschließen, geht heute nur noch über die Berufsverbände. Der VdKS und der BSHL sollten über Arbeitsgruppen ihrer erfahrenen Mitglieder zu einer Meinungsbildung beitragen.